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Menschen in Quito und Verkaufsstrategien

 

Kreeiren wir mal ein Bild von Quito, eines, das mir täglich geboten wird.
Ecuador ist ein Schwellenland, auf der Schwelle zwischen arm und reich. Zwischen Fortschritt und sozialer Probleme. Das kann man relativ gut erkennen, wenn man über Quitos Straßen schreitet.
Du siehst die muntere, moderne Jugend, die miteinander scherzt, die die westlich verbreitete Kleidung trägt und die die Konsumwelt, die Welt der Späße und Freuden, genießen zu scheint. Du siehst die Frauen (in diesem Moment, jetzt wo ich es niederschreibe, fällt mir auf, dass es wirklich nur Frauen sind), die in traditionellen Kleidern, einem geflochtenen Zopf und viel (gespielter?) Würde herumlaufen, die, die noch auf Tradition bewahren und versuchen, es nach außen zu übermitteln. Du siehst vor allem abends die Ecuadorianer, die sich irgendwo mitten des aktiven Drogensumpfs befinden, die, die auf offener Straße herumpöbeln, herumwanken, auf Ideen, die die Vorstellungsgrenze übertreffen, kommen. An diesem Zeitpunkt ist eine Geschichte, die ich während meiner Zeit hier schon recht oft zu Ohren bekommen haben, angebracht. An Silvester wurde ein Freiwilliger vor seinem Wohnhaus von zwei Junkies zu Boden gestochen, diese versuchten anschließend in das Haus einzubrechen, wurden von der Polizei festgenommen und nach der Festnahme hatte eine der Junkies noch den "Mut" den am Boden liegenden Freiwilligen heftig zu treten. Das sind die Junkies in Quito, eine der vielen Gefahren...
Du siehst auch die herausgeputzten, sichtbar (im Beruf) erfolgreichen Menschen, die Frauen, die in ihren hohen Schuhen die Straßen entlangstöckeln und die an den positiven Aspekten der ecuadorianischen Wirtschaft teilaben dürfen. Und wenn du all die anderen Gruppen nicht siehst, dann siehst du einen Teil der Gesellschaft aber ganz deutlich. Die Straßenverkäufer, die Bettler, die Kinder. Nachts laufen 7-jährige Kinder herum und verkaufen Zigaretten. Sie schauen dich an, mit großen Augen voller Hoffnung, voller Zwang, voller grauer Zukunft. Die Kinderbettler in Indien waren schlimm, möglicherweise schlimmer. Aber in Indien ist Armut in jeder Ecke, die du erblickst. Wenn du aber in Ecuador abends weggehst, in einen Club voller betuchterere Menschen, und dann danach dreckige, zitternde Kinderhände siehst, die dir etwas verkaufen wollen. Etwas verkaufen müssen. Dann geht es dir dreckig, dann zitterst du. Es holt dich an den Boden der Tatsachen, an den ecuadorianischen Boden zurück, das ist gut. Aber dieser Boden ist nicht gut, ganz und gar nicht.

Mein erstes Wochenende verbrachte ich mit einer Freundin an der Küste, was sich als gute Wahl herausstellte. Der warme Pazifik, Hängematten bis das Auge reicht, abwechslungsreiches Essensangebot und richtig gute, tiefgehende Gespräche. Da Aktivitäten hier nicht wie in Jamaika nur für reiche US-Amerikaner, etc angeboten werden, machten wir sonntags einen Strandritt, welcher ohne Frage wunderbar war (so ritten wir zu einer Höhle mit Fledermäusen im Meer), was aber auch insofern interessant war, dass wir durch die vom Dorf abgelegenere Landschaft unseren Weg bahnten und dort die Häuser der Menschen, die nicht vom Tourismus sondern von der Landwirtschaft leben, sahen. Instabil, undicht, voller Alternativbereitschaft. Das sind genau die, die nichts von der Masse der Touristen, die in den kleinen, sehr beliebten Ort strömen, abbekommen haben oder nichts abbekommen wollten? Vielleicht wollten sie sich bewusst von dem Tourismus, der Ausbeutung durch Tourismus distanzieren? Das wäre eine Möglichkeit, aber wenn man die humane Gattung, die nach Geld und "Glück" strebt, betrachtet, wohl eine sehr geringe Möglichkeit. Im Prinzip heißt es nur, dass auch in so einem kleinen Ort mit so viel Touristen noch lange nicht alle profitieren..


Kommen wir zu ecuadorianischen Verkaufsstrategien. Straßenverkäufer gab es in Indien und in Jamaika auch, aber in Ecuador überraschen sie mich mit viel Geschick und einer recht ausgeklügelten Taktik. So saßen wir in einem Übernacht-Bus und haben gewartet, dass dieser losfährt, als ein junger Mann mit einer Kiste Schokoladenriegeln hereinkommt. Diese werden angepriesen und dabei auf alle Passagiere, die sich nicht wehren, verteilt. Dann hat man drei Schokoladenriegel in der Hand, hat genügend Zeit sie zu mustern, sich von den verführerischen Abbildungen auf der Verpackung mitreißen zu lassen, sich zu überlegen, wie sie wohl schmecken. Und dann geht der junge Mann wieder durch die Reihen und sammelt sie ein – außer man möchte zahlen. Welch gute Strategie, den von Natur aus gierigen Menschen erst etwas zu geben, ihnen Lust zu machen und es ihnen dann wieder wegzunehmen. Da denkt man dann wirklich ernsthaft darüber nach, ob man nicht lieber den einen Dollar zahlen und dafür die Riegel behalten soll. Der Fokus liegt auf behalten! Normalerweise ist die Aktion das Kaufen, bei der man aktiver sein muss und deshalb auch mehr Zweifel aufkommen lässt, aber wenn man es schon in der Hand hat, reicht theoretisch der Griff in den Geldbeutel. Das haben viele Menschen in dem Bus auch mit sich geschehen lassen.
Eine simple, aber effektive Strategie.



Bald gibt es mehr über die Infrastruktur Quitos, befremdliche Karnevalstraditionen, die kulturelle Hauptstadt Ecuadors und noch einiges mehr.

7.3.14 16:38


Erste Eindrücke aus Ecuador

 

Nun wandern wir mal von der Karabik in die Anden, an den Pazifik, in die Mitte der Erde – kurz gesagt: nach Ecuador. Diese Wanderung ging über Miamis Flughafen, der mich überraschte, weil ich mich schon fast wie in einem westlichen Südamerika fühlte. Überall, wirklich überall, wurde Spanisch gesprochen. Die ganzen Angestellten in den Läden und den Restaurants sowie das restliche Flughafenpersonal konnte untereinander problemlos auf Spanisch kommunizieren, alle hatten irgendwie lateinamerikanische Wurzeln. Am Terminal wurde verzweifelt in gebrochenem Englisch ein Mitarbeiter, der Englisch spricht, ausgerufen. Und das in Miami! Ich fand es interessant, unerwartet und eine schöne Einstimmung für mein südamerikanisches Abenteuer.

Ich befinde mich zum Zeitpunkt des Eintrags nun schon seit drei Wochen hier, ich kann noch nicht allzu viel sagen, aber ich weiß eines: Bis jetzt fühle ich mich hier im Vergleich zu Indien und Jamaika am wenigsten fremd. Was komisch ist, weil ich die Sprache nicht beherrsche. Doch was für mich von Bedeutung ist, ist, dass ich nicht angestarrt, nicht andauernd angesprochen werde. Dass ich frei für mich über die Straßen gehen kann und mir nicht kontinuierlich gezeigt wird, dass ich anders bin, dass ich fremd bin.

Natürlich sind auch die Ecuadorianer kontaktfreudig und der Taxifahrer fängt ein Gespräch mit dir an (was du nicht verstehst), abends vor einer Bar wird man angesprochen (aber wenigstens nicht allzu offensiv angemacht) und ein "Hola Chicas" ist auch oft drin. Doch das alles gleicht nicht im Geringsten, was ich in Jamaika und Indien erlebt habe. Und es ist erfrischend zu sehen, wie Kontaktaufnahme hier auch anders möglich ist.

Der Umgang mit Emotionen in Südamerika unterscheidet sich deutlich von dem im Westen, das ist allgemein bekannt. Ich frage mich, woher der Ursprung dieser verschiedenen Handhabungen liegt. Das versuche ich auf alle Fälle während meines Aufenthaltes herauszufinden. Ich habe zwar noch keine Theorie, aber ein schönes Beispiel. Mein Sprachlehrer, den ich sehr gerne mag, ist wahnsinnig emotional und offen (und ist sich auch, was das angeht, dem Unterschied zu anderen Kulturen bewusst). Eines Tages schaute er uns bei Beginn der Stunde mit traurigen Augen an. "Ich habe heute die amor de mi vida getroffen! Und es war nicht meine Frau!" Ungläubig und überrascht von so viel privaten Informationen blickten wir in sein aufgewühltes Gesicht. "Ich saß im Auto, stand an der Ampel und dann sah ich sie. Erst war sie sehr ernst, dann suchten ihre Augen die meinen und sie fing das Weinen an." Wir wussten nicht so recht, was wir darauf erwidern sollten, aber es war auch nichts nötig. "Eine komplizierte historía, una historía de amor... Vamos a estudiar espanol ahora!" Damit hatte es ein Ende gefunden, obwohl er das Thema die nächsten Tage auch noch einige Mal anriss. Das klingt nun möglicherweise nach einer netten Geschichte, die zeigt, was für ein gutes Verhältnis wir mit unserem Sprachlehrer haben, aber wenn man das einmal umdreht und die ganze Szene sich in Deutschland vorstellt, wird einem schnell klar, dass das ein wunderbarer Beweis für einen gewaltigen Kulturunterschied ist. Welcher Nachhilfelehrer/Sprachlehrer würde so etwas erwähnen? Egal wie aufgelöst er sein würde, er könnte "kalt" seinen Unterricht durchziehen und sich nicht vor seinen Schülerinnen "blamieren". Hier kam es aber ganz selbstverständlich, dass er uns an den Dingen, die ihn beschäftigten, teilhaben ließ...

28.2.14 23:48


Drei Monate Jamaika - Überraschungen, Freuden der Natur, Fassungslosigkeit

 

In diesem endgültig letzten Eintrag über Jamaika werde ich all die Erlebnisse und Eindrücke festhalten, die mich am meisten überraschten, faszinierten oder entsetzten.

Das, was mich am meisten in Jamaika fasziniert hat war zum einen die Natur und all ihre Geschenke sowie die Rastafari Kultur, was im letzten Beitrag vermutlich schon angeklungen ist, und die Atmosphäre, die diese Insel für uns Freiwillige bereithielt.

Die Reach Falls, einzigartige Wasserfälle, die wir nicht auf normalem touristischem Wege besuchten, sondern auf besondere Art entdecken durften. Mit einem Rastafari liefen wir erst einmal zehn Minuten durch einen Palmenwald, um schließlich die einzelnen Wasserfälle von unten hochzuklettern. Man konnte es wirklich klettern nennen, manchmal wurde die ein oder andere Räuberleiter benötigt und alles lief nach den Regeln der Natur, d.h. Man stolperte kontinuierlich über versteckte Steine im Wasser, zog sich kleine Verletzungen zu, aber all das spielte keine Rolle. Oder doch, aber eine positive. Die Natur war die Macht, das einzige, was uns kontrollieren konnte. Das einzige, von dem wir uns kontrollieren lassen konnten. Nur unsere fest zusammengewachsene Gruppe mit der Natur. An diesem besonderen Ort war man wirklich eins mit ihr, es erschien wie auf einem anderen Planeten. Wie auf einem Planeten fern von Hass, Kapitalismus, Materialismus, Gewalt, Kriegen. Es war erfrischend und inspirierend, diese reine Luft einzuatmen und jeder von uns konnte die besondere Atmosphäre auffassen. Beim Abstieg hatte ich auch noch ein Erlebnis, das mich an meine Grenzen bzw. Darüber brachte. An einer bestimmten Stelle war der einzige Weg nach unten ein Sprung ins Wasser. Ich habe eine riesige Phobie davor ins Wasser zu springen, habe mich bis jetzt in meinem Leben erst einmal auf ein Dreimeter-Brett gewagt. Ich stand dort oben für mindesten 15 Minuten, während mir alle gut zuredeten, mir anboten, mit mir zu springen. Aber ich wusste, dass ich es wenn dann alleine schaffen musste. Irgendwann nahm ich die Kraft, die mir diese Wasserfälle gaben, in mich auf und letztendlich habe ich mich überwunden. Da ich mich oben wirklich fertig gemacht habe, mich in die Angst herein gesteigert habe, war das Gefühl beim Auftauchen umso intensiver – vor Erleichterung, vor Überwältigung kamen mir die Tränen.
Nach diesem Besuch war unsere Gruppe noch enger zusammen gewachsen, wir alle hatten die Magie mit der Natur geteilt.

Ein weiterer Favorit war Black River, der an sich schon eine wunderbare Natur bereithielt, aber eben auch ein Geschenk der Natur – Krokodile. So nah in ihrer natürlichen Lebensumgebung hatte ich Krokodile noch nie gesehen. Ich war ihnen noch nie so nah, dass ich ihre Zähne, ihre Füße und ihre Augen inspizieren konnte. Unser Kapitän ging sogar noch weiter und liebkoste sie durch zärtliches Streicheln aus dem Boot heraus.

Das wilde Meer in Treasure Beach beeindruckte mich ebenso sehr. Es riss einen gerne mal unter Wasser, ließ einen die Kontrolle verlieren und reflektierte die extreme Naturgewalt, die trotz ständigen (oder manchmal wegen) menschlichen Einwirkens noch herrscht.

Die Blue Mountains dagegen waren alles andere als wild, eine friedvolle Stimmung macht sich dafür in dich breit, wenn du in die scheinbar endlosen Bergen blickst. Ich werde auch nie das Gefühl vergessen, als wir ganz oben auf dem höchsten Berg Jamaikas standen und uns in den Wolken bewegten. Wolken scheinen immer unendlich weit weg und dann auf einmal ist man mitten drin. Es ist nicht mit dem Gefühl im Flugzeug zu vergleichen, zwischen dem Körper und der Natur steht ein komerzielles Gut, man ist nicht komplett verbunden. Aber wenn du die Wolken fühlst, am ganzen Körper, dann hat man sozusagen die Unendlichkeit erreicht. Oder erkannt, dass die Unendlichkeit noch viel weniger greifbar ist, als man denkt, dass es nach den Wolken noch weitergeht. Vielleicht verspürt man in den Bergen deshalb so einen inneren Frieden, weil man sich in der Unendlichkeit gefangen fühlt. Weil man weit weg vom "Boden der Wirklichkeit", vom "Abgrund der Sorgen" ist...

Natürlich die Rastafaris mit ihrem Drang nach Freiheit, mit ihrem Leben fernab der heutigen "Realität" und fernab der Ausblendung der Natur, mit ihrer inneren Gelassenheit und ihrem weit auschweifenden Blick auf die Welt.

Was mich überraschte war das große Selbstvertrauen der jamaikanischen Männer gegenüber westlichen Frauen. Die zahlreichen Heiratsanträge, die vielen unmoralischen Anfragen und das bloße Kommunizieren, das auf mehr hinaus wollte, schien ganz natürlich aus ihnen heraus zu kommen. Ohne jegliche Zweifel über sich selbst stellten sie sich der sehr wahrscheinlichen Gefahr einer Abfuhr und wenn letztere dann kam, musste das immer noch nicht heißen, dass sie dann aufgaben. Ich weiß nicht, was man machen hätte müssen, um ihre Selbstbewusstsein zu schwächen. Sie gaben sich als unbesiegbar und für sie schienen Misserfolge und ein großes Ego nicht im Widerspruch zu stehen. Wenn es oft nicht so eklig, so anwidernd, so nervig gewesen wäre, wäre ich möglicherweise sogar bereit, Bewunderung für dieses unermüdliche Selbstbewusstsein gelten zu lassen.

Über letzteres kann man mit viel Geduld, Gelassenheit und Humor noch lachen, aber folgende Eigenheit ist einfach ein sehr trauriger, erschreckender und scheinbar unveränderlicher Fakt. Die fast überall verteilte, starre Homophobie, über die man auch nicht diskutieren konnte. Jamaika gilt als eins der homophobsten Länder der Welt und das ist auch ohne Zweifel so. Wenn man dort für eine Zeit lang lebt, erlebt man das auch hautnah. Was Gott sagt, ist heilig. Und wenn die Jamaikaner Gott zuhören, sagt er, dass es unnormal ist, wenn sich zwei Männer oder zwei Frauen lieben. Unnatürlich – das Wort wird auch oft gebraucht. Ich hatte diverse Diskussionen mit den scheinbar aufgeklärten Kollegen beim Radio, aber sie lassen einfach kein Argument gelten. Unnatürlich und unnormal, fertig, punkt, keine Widerrede. Das ist traurig und leider glaube ich auch nicht, dass es sich in der Zukunft verändern wird.

Das leitet gut zur starken Religiosität über und der damit verbundenen Blindheit. Leute, die die Evolution verneinen, abstoßen und die, die daran glauben (obwohl es hier nun wirklich nicht um Glaube, sondern um Vernunft, Verstand und Beweise geht), als lächerlich abstempeln, wollen einfach nicht in mein Weltbild passen. Eine Freundin, die durchaus religiös ist und ein Medizinpraktikum macht, pflegte immer zu sagen, dass die Jamaikaner zu viel glauben. Ein zu großen Vertrauen in Gott haben und dann dementsprechend spät sich in ärztliche Behandlung geben lassen. Das Gefühl hatte ich auch immer, die Menschen machen sich von Gott zu sehr abhängig. Sie schöpfen ihre Kraft aus dem Glauben, das ist ja ihr gutes Recht. Aber sie untergraben somit viel zu oft ihre eigene Persönlichkeit, ihren eigenen Willen und die Menschlichkeit. Die scheinbar unendlichen Morgengottesdienste werden mir nie aus dem Kopf gehen, dieser extreme Glaube, der überall präsent war.

Ein anderes Makel, das einem schnell auf die Nerven gehen konne, war die Rechthaberei, die relativ oft zu Tage kam. Sei es die Evolution, gegen (!) die es ja so viele Beweise gibt, oder sei es Deutschland, in dem man Französisch spricht. Egal mit welchen Argumenten, man konnte sie eigentlich nie von ihrem Standpunkt abbringen. Und das ist traurig, weil Diskussionen erfrischend und Horizont öffnend können, weil manche Fakten einfach feststehen...

So sehr mich die Offenheit gegenüber Frauen oft nervte, so sehr mochte ich die Offenheit in Gesprächen. Die Bereitheit, unverblümt über das eigene Leben zu sprechen. Viele abenteuerliche, wahrscheinlich ausgeschmückte, aber ehrliche Lebensgeschichten habe ich zu Ohren bekommen, dabei habe ich viel über die Haltung der Menschen gegenüber des Lebens, über ihre Ziele, ihre Ambitionen und ihre Mentalität gelernt. Es gibt nichts besseres als ehrliche Gespräche über das Leben oder über die Welt, um ein Land und seine Menschen besser kennenzulernen. Und das hat Jamaika mir zum Glück gelegentlich geboten. Manchmal in den ungewöhnlichsten Momenten, so kam es zu einer einstündigen Diskussion mit einem Arzt, als ich meine deutsche Gastschwester zu ihrem Termin begleitete. Über Glauben, wie sollte es anders sein, aber sehr persönlich, verbunden mit dem eigenen Leben, verbunden mit der Kraft und der Motivation, die einen jeden Tag aufstehen lässt. Das hat mir gefallen, diese ungewöhnliche Begebenheit. Sowas zeigt einem, dass man nicht in Deutschland ist.
Ein anderes Mal hatte ich ein ermutnerndes, erfrischendes, spontanes Gespräch mit vier Männern, die alle schon in den USA oder in Kanada gelebt hatten. Wir sprachen über Rassismus in Jamaika, über Philosophie und über Literatur, einfach so, weil es der Moment dafür war. Diese Konversation ließ mich den ganzen Tag lächeln.

So oft ich auch von den Menschen und der Mentalität in Jamaika enttäuscht worden bin, so gab es auch Momente, in denen ich fasziniert, mitgenommen war. In denen ich Hoffnung und Motivation schöpfte. Jamaika ist nicht mein Land, definitiv nicht, aber ich habe die Natur, die Begebenheiten, die Begegnungen, spezielle Kulturen und die Atmosphäre dort mit vollem Herzen genossen.



Das war der definitiv letzte Eintrag zu Jamaika. Für den folgenden verlassen wir die Karibik und gehen zur Mitte der Welt, nach Südamerika, nach Ecuador.

18.2.14 13:08


Pädagogik, Rastafaris und Inspiration in Jamaika

 

Nach einigem Hin und Her mit meiner Organisation wechselte ich schließlich vom Radio sehr spontan zur Kindertagesstätte für eins- bis dreijährige und durfte dadurch etwas von nicht existierender jamaikanischer Pädagogik erfahren. Ich sehe ja schon in meiner Gastfamile tagtäglich ungünstige Erziehung, meine 5-jährige Gastschwester wird immer nach ihren Wünschen gefragt, welche dann auch erfüllt werden. Sie schreit und weint auch gerne einmal gleichzeitig, um auch ja das Getränk, die Speise oder das Fernsehprogramm zu erhalten. Sie bekommt einfach viel zu viel Aufmerksamkeit, wird zu oft vor die Wahl gestellt und wird zu ernst genommen. Oft sind dann die heiß ersehnten Bohnen auf dem Teller doch nicht das Richtige, werden weggeschmissen und durch etwas Neues ersetzt. Sollte das Essen mal nicht von selber in den Mund gelangen, hilft die Mutter auch gerne nach und füttert sie. Die 5-jährige setzt Bedingungen und alle ihre Wünsche durch. Diese Toleranz-Methodik wäre in einer Kindertagesstätte mit 20 Kindern natürlich nicht anwendbar, sie würde zum totalen Chaos führen.
Weshalb dort das Leitmotto Disziplin lautet. In den Alltag übersetzt, bedeutet das, dass diese jungen Kinder teilweise einfach zehn Minuten ruhig am Tisch sitzen müssen, während die andere Gruppe ihre Hände wäscht. Oder dass bei der Morgen-"Devotion" jedes Mal auf's Neue die Hände der Kinder aufeinander gepresst werden, so dass sie beim Beten (was sie mit Sicherheit noch nicht begreifen können) auch ordentlich Gott loben können. Es wird den Kindern teilweise auch einfach viel zu viel zugemutet, so lernen sie die Teile der Gitarre (ohne Demonstration, einfach nur die bloßen Begriffe), obwohl sie noch nicht einmal die Teile des menschlichen Körpers richtig zuordnen können. Das konnte auch wirklich teilweise meine Arbeit erschweren: Hatte ich zum Beispiel ein dreijähriges Mädchen auf dem Schoß, kam der Kommentar, dass ich sie doch nicht mehr auf den Schoß nehmen solle, sie sei doch zu alt. Ein dreijähriges Mädchen, das über acht Stunden seine Eltern nicht sieht und genauso viel Liebe und Zuwendung wie die Kinder, die ein Jahr jünger sind, erfahren sollte. Gerade wenn nur die Jüngeren auf den Schoß genommen werden dürften, würden sich die Älteren benachteiligt und ungeliebter fühlen. Mit den Kollegen zu argumentieren oder diskutieren ist mitten bei der Arbeit mit Kindern aber einfach problematisch, so dass man als unbezahlter Freiwilliger unsinnigen Anweisungen meist folgen muss..
Jamaikanische Pädagogik besteht aus zu viel Toleranz und zu viel Disziplin, was viele aber auch nicht erkennen zu scheinen. Ich bin mir sicher, es wäre nützlich, sich mit den Freiwilligen, die in ihrer Kindheit eine ganz andere Form von Erziehung erfahren habe, zusammenzusetzen und einige Verfahren auf objektiver Ebene zu beleuchten und zu diskutieren. Genau das habe ich auch in meiner "Final Form" vorgeschlagen und (auch wenn ich es bezweifle) hoffe ich, dass es irgendwann beherzigt wird.

Den Rest des Januars habe ich vor allem mit der Gruppe, die nun aus völlig anderen Freiwilligen besteht, verbracht, weil ich mich mit allen sehr gut verstanden und wohl gefühlt habe, was mein soziales Leben und meine Fröhlichkeit aufblühen lassen hat.. Weil das hier aber kein chronologischer Reiseblog ist, wird mein soziales Leben und die Erlebnisse in der Gruppe nicht beachtet, aber ich lasse euch an zwei besonderen Erfahrungen mit der jamaikanischen Kultur teilhaben.

An einem Wochenende in Negril, das ja normalerweise nur den typisch touristischen Strand und Clubs am Abend bereithält und mich deshalb sonst immer langweilte, beschloss eine kleine Gruppe, in das Indigenous Rastafarian Village nach Montego Bay zu fahren. Dieses Dorf ist versteckt und abseits von dem schrecklich touristischen All-Inclusive Montego Bay und nur zu Fuß zu erreichen. Die Rastafaris, die sich dort niedergelassen haben, machten es sich zur Aufgabe, Interessierten ihre Kultur weit weg aller Vorurteile hautnah zu präsentieren, verständlich zu machen und näher zu bringen. Das hat bei uns allen auch perfekt funktioniert und im Endeffekt dazu geführt, dass eine brasilianische Freundin und ich so fasziniert waren, dass wir uns unabhängig voneinander das erste Tattoo, das bei uns beiden die Rastafari-Kultur reflektiert, stechen haben lassen.
Viele Menschen verbinden Rastafaris mit Rastalocken - wie sollte es auch anders sein, mit Bob Marley und mit Kiffen. Manche Menschen können aber auch überhaupt nichts mit dem Begriff "Rastafari" anfangen. Menschen, die nach Jamaika gehen, erfahren meistens, wenn sie sich auch an untouristische Essensquellen wenden, dass Rastafaris vegan sind, werden durch die Verbindung von Rastafaris mit Ethiopien und einem Löwen verwirrt, und sehen Männer mit Rastalocken kiffen. Ich wusste zwar schon etwas mehr, bevor ich das Rastafarian Village besucht habe, da ich mich öfters mit Rastafaris unterhalten habe (meistens, weil Rastafari-Restaurants einfach meine Lieblingsessensquellen sind und ich mich dort dementsprechend oft befinde) und mich auch schon davor etwas informiert hatte. Aber ich wäre nie in der Lage gewesen, die Verbindung zu Ethiopien zu erklären, oder einfach nur ganz sicher zu sagen, wo der Ursprung und der Hintergrund liegt. Vielleicht rede ich jetzt etwas zu sehr herum, ich möchte damit nur sagen, dass während oder nach eines/einem Besuch im Rastafarian Village alle Informationen zu einem klaren, ganzen Bild zusammenwachsen und man endlich weiß, worüber man redet.

Rastafaris leben vegan und bauen meistens ihr ganzes Gemüse und Obst selber an, verwenden auch natürliche Teller, Besteck, etc (also aus Holz oder Kokosnuss) und führen somit ein vorbildlich biologisches Leben. Sie fühlen sich der Natur verbunden, schätzen diese und setzen das jeden Tag in die Tat um! Alles, was sie brauchen, gibt ihnen die Natur – so verzichten sie natürlich auch auf künstliche Medikamente und haben alle möglichen Heilkräuter, zum Beispiel gegen Krebs oder für Fruchtbarkeit. Die Wirksamkeit setzten sie uns auch unter Beweis, als eine Freiwillige unserer Gruppe von ihrer Übelkeit erzählte, mit Medikamenten der Natur versorgt wurde und es ihr schnell wieder besser ging.
Wenn ich jetzt von heilenden Kräutern schreibe, schweifen die Gedanken natürlich sofort in Richtung Marihuana. Bei unserem Besuch haben wir einen unserer Gastgeber auch mit dem wahrscheinlich gängigsten Vorurteil konfrontiert. Die Antwort war überraschend, erfrischend und ehrlich. Auf die Frage, ob er einem täglichen Graskonsum nachginge, meinte er, dass er schon einmal eine Pause von drei Jahren eingelegt hatte, sich nie dazu zwingt, es macht, wenn er sich danach fühlt, und das Wichtigste: Man bräuchte nicht Marihuana, um high zu werden. Das gleiche Glücksgefühl, der gleiche Zustand könnte durch Gespräche und Musik erreicht werden.

Nun haben wir uns mit den meisten Vorurteilen, mit dem oberflächlichen Bild dieser Kultur beschäftig, die Frage ist, was bleibt.

Die Bewegung der Rastafaris ist aus der Rückbesinnung zur Heimat, zu Afrika, der ehemaligen Sklaven entstanden. Sie wehrten sich gegen die extreme Christianisierung der britischen Kolonialmacht und beschäftigten sich eingehend mit der Bibel und ihren Widersprüchen. So akzeptierten sie nicht die Unterordnung der Frau, die in der Bibel anklingt, denn der Ursprung der Menschheit besteht aus aus den wichtigsten drei Elementen (drei ist die magische Zahl, die der Schlüssel für die humane und die erdliche Entstehung ist) – der Mutter, dem Vater und dem Kind. Fehlt einer dieser drei Aspekte, würde die Menschheit aufhören zu existieren, weshalb es von der reinen Logik her widersprüchlich ist, die Frau unterzuordnen. Die Rastafaris tragen tief in sich die Liebe zur Menschheit, die Liebe zur Natur, die Liebe zu all den reinen und beständigen Dingen des Lebens, so dass sie mit dieser Haltung gleichzeitig den Materialismus und den Kapitalismus ablehnen. Die beiden Formen des Lebens, die künstliche, von Menschen erschaffene Systeme und Werte als essentiell ansehen. Die Rastafaris dagegen definieren Freiheit als essentiell und haben Rituale, die das verdeutlichen. So stehen sie oft da, strecken die Arme zu beiden Seiten aus, legen den Kopf in den Nacken und blicken in die Unendlichkeit des Universums, dabei schreien sie aus vollster Seele "Irie, Irie, Irie". Irie ist die Kurzform von "I am free" und wird leider von der Mehrheit der Jamaikaner mittlerweile für alles mögliche wie zur Begrüßung, zum Trinkspruch, etc verwendet, also verallgemeinert und kommerzialisiert.
Ihre Kraft und innere Gelassenheit gewinnen sie aus diesem Ritual oder anderen Ausdrucksformen der Spiritualität, wie eine Wanderung durch das Meditations-Labyrinth oder wie völlig losgelöste, aus dem Herzen sprechende Musik.
Die meisten spirituellen Menschen haben irgendwo her einen Anstoß bekommen, haben irgendwo auf der Welt einen Menschen, der sie inspiriert. So auch die Rastafaris. Haile Selassie I, Kaiser von Ethiopien, war für die große Mehrheit die Schlüsselfigur des Rastafari-Movements. Er wurde als die Wiedergeburt von Gott angepriesen und war essentiell für den Panafrikanismus. Das alles ist viel komplexer, als hier dargestellt, aber man kann das nicht in einen kleinen Blogeintrag packen. Die blinde Verehrung von Haile Selassie ist allerdings eine der Sachen, die ich persönlich nicht ganz nachvollziehen kann. Nur auf Zeichen aus der Bibel, die teilweise ja abgelehnt wird, beruhend, einen Menschen ohne wenn und aber zu verehren, finde ich etwas gewagt und fast so als ob sie somit ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit abgeben würden. Denn das Rastafari-Movement macht sich definitiv von diesem einen Mann abhängig.

Was ich allerdings wieder komplett nachvollziehen kann und herzenserwärmend finde, sind die Neologismen der Rastafaris. So sagen sie overstand statt understand, denn wenn man etwas versteht, hat man die Erkenntnis und steht unter nichts mehr, sondern steht darüber. Außerdem vermeiden sie den Tod und Hass in ihren Worten, so dass aus digestion lifegestion wird oder so dass appreciate (ähnlicher Klang wie hate) in apprilove umgeformt wird. Sie verankern damit ihre Haltung und ihren Lebensstil in ihrer Sprache.

Sie vermeiden die Wörter Hass, beteuern ihre Liebe zur Menschheit und ihren Drang zum Frieden. Warum hört man dann immer wieder, dass viele Rastafaris stark homophob sind? Leider ist mir diese Problematik erst im Nachhinein aufgefallen, sonst hätte ich auch keine Scheu gehabt, das mit unseren Gastgebern zu besprechen. Ich kann ganz sicher sagen, dass es zwar (vermutlich) verbreitet ist, aber noch lange nicht alle an der Homophobie festhalten. Ich habe schon von homosexuellen Rastafaris gehört und von Akzeptanz, von Liebe und Weltoffenheit. Natürlich ist der Ursprung der selbe wie bei stark christlich geprägten Menschen, denn manche Rastafaris orientieren sich eben doch stark an der Bibel, außerdem sollte man mal den Ursprung der Menschheit betrachten. So wie die Rastafaris es aufführen, gibt es Vater, Mutter und Kind. Die magischen Drei. Und da ist kein Platz, keine Flexibilität für Veränderung, für noch jemanden. Somit schließt man mehr oder weniger die alternative Lebenspartnerschaft schon sofort aus.

Ich habe mir in diesem Rastafarian-Village meine Motivation für eine Rückkehr nach Jamaika geholt, ich möchte dort unbedingt für mehrere Tage/Wochen leben und mehr Inspiration und Erkenntnisse in mich aufnehmen. Und wenn ich mich dort dann befinde, werde ich mit den Bewohnern dort auch hundertprozentig einmal ihre Haltung gegenüber Homosexualität herausfinden und sie gegebenenfalls mit ihnen diskutieren...



Am Abend gingen wir passenderweise zu einem Rastafari-Restaurant in Negril, bei dem ich schon einmal davor war. Der Besitzer tanzte und kiffte beim Kochen, was uns die Wartezeit versüßte. Ein für mich wunderschöner Augenblick war, als er mir beim Abräumen eine Schüssel, die aus der Schale einer Kokosnuss (also eine, die natürlicher nicht sein könnte) bestand, schenkte. Aus Dankbarkeit, dass ich zum zweiten Mal da war und dass ich Freunde mitbrachte. Diese Geste machte mich sozusagen "high" und ich hörte den ganzen Abend das Lächeln nicht mehr auf – wenn das nicht der perfekte Einrichtungsgegenstand für meine Wohnung ist, voller Natur und voller Erinnerungen!



Ein Eintrag über die überraschendsten Erfahrungen in Jamaika ist in Arbeit und dann folgen die ersten Eindrücke aus der höchstgelegensten Hauptstadt der Welt – aus Quito im vielfältigen Ecuador.

11.2.14 17:09


Deutsche Pension, Busexplosion und Silvester in Jamaika

 

Die schöne Zeit, die ich an Weihnachten nicht hatte, durfte ich dafür dann umso mehr am darauffolgenden Wochenende erleben.
Da wir diesmal nur zu dritt waren, führte uns der Weg zur Destination Oracabessa natürlich über öffentliche Verkehrsmittel. Vier Taxis und ein Minibus waren dafür nötig und so kompliziert es auch klingen mag, die Reise stellte sich als überraschend einfach, die Wartezeiten als überraschend kurz und die Übergänge als überraschend fließend heraus. Schließlich landeten wir am Zielort und fühlten uns sofort wie zuhause. Das lag nicht unbedingt an der Nationalität der Besitzer von der deutschen Pension, aber an der schönen, liebevollen Gestaltung des Hauses, an dem kleinen Ort und an der Atmosphäre.
Früh durften wir dann deutsches Frühstück auf dem Balkon mit Meeresblick genießen. Abgesehen von echtem Kaffee (wenn auch natürlich nicht deutsch) hatten wir echtes, warmes Brot mit echter Butter und echter Marmelade. Als Extra bekamen wir sogar noch einen süßen Hefezopf mit Rosinen serviert. Manchmal lernt man Dinge erst lieben, wenn man gerade kein Zugriff auf sie hat. In Deutschland machte ich immer einen mittelgroßen Bogen um echtes Brot, bevorzugte mein Toastbrot, doch seit ich hier jeden Tag auf's Neue dickes und vor allem ungetoastetes Weißbrot zu mir nehmen muss, ist echtes, deutsches Brot für mich ein Paradies. Das neue Interesse verfolgte ich auch gleich vor Ort und nahm mir ein Laib Brot mit. Unglaublich, dass ich erst einmal nach Jamaika muss, um deutsches Brot schätzen zu lernen...
Abgesehen vom auf der Zunge zergehenden Essen und vom spendiertem, selbst gemachten Eierlikör war es auch sonst mein vermutlich bestes Wochenende bisher. Dafür sorgten lebhafte und vor allem tiefer gehende Konversationen. Politische Diskussionen oder auch Gespräche über Vegetarismus lehrten mir, dass man nicht immer die selbe Einstellung gegenüber der Welt haben muss, um sich gut zu verstehen. Da meine Freunde in Deutschland zwar nicht die selbe Einstellung wie ich haben, aber eine, die ungefähr in eine ähnliche Richtung geht, nahm ich immer an, dass das so sein muss. Dass man wenigstens in die gleiche Richtung schauen muss, um sich auf der selben Wellenlänge zu bewegen. Wir drei hatten komplett verschiedene Richtungen, aber konnten erfrischend hitzige Diskussionen haben, ohne an Sympathie zu verlieren.
Auch auf dem Rückweg geschah die Fortbewegung natürlich per öffentlicher Verkehrsmittel, was uns diesmal fast den Tod brachte. Das lag nicht an der halsbrecherischen Fahrweise, die hier schnell zur Gewohnheit wird. Ich saß mehr oder weniger gemütlich angelehnt mit geschlossenen Augen und entspannte mich, als auf einmal Panik im Bus ausbrach. Alle versuchten sich einen Weg zur Tür zu bahnen. Alle schubsten und rannten um ihr Leben. Niemand wurde vorbei gelassen. Das war durchaus problematisch für uns, die auf der hintersten Bank Platz genommen hatten. Gezwungenermaßen verließen wir also den Bus als letzte. Auf sicherem Boden sahen wir dann zum ersten Mal, was die Panik veranlasst hatte: Riesige Rauchwolken und Flüssigkeiten kamen aus dem Fahrzeug, dazu ein undefinierbarer Geruch. Als Laie würde man denken, dass eine Explosion nahe war. Das war auch genau das, was sich alle Passagiere dachten. Fast alle Jamaikaner sprangen dann auch bei der ersten Gelegenheit auf einen vorbeifahrenden Lastwagen – ohne zu zahlen natürlich. Wir blieben mitten im Nirgendwo stehen und warteten bis ein Passagier, angeblich ein gelernter Mechaniker, den Bus repariere. Auch nach 45 Minuten Warten war weder unser Schock noch der Bus richtig abgekühlt, aber wir wagten uns (fünf verbliebene Passagiere) wieder todesmutig in den Bus und überlebten die zweistündige Fahrt trotz vieler beunruhigender Geräusche. Die Todesangst, die wir wirklich verspürten, war zwar nicht gerade angenehm, aber das Erlebnis bleibt unvergessen. Zudem können wir voller Stolz sagen, dass wir mutig in dem Bus geblieben sind, während alle Jamaikaner, die an so etwas ja eigentlich mehr gewöhnt sein sollten, flüchteten!

Silvester in Jamaika, Silvester am Meer. Darauf freute ich mich schon letztes Jahr und nach dem verkorksten Weihnachten hatte ich wirklich ein gelungenes Silvester nötig. Kurzfristige Planänderung resultierte darin, dass wir nur zu dritt an unsere ursprüngliche Destination gingen – good, old Treasure Beach... Da unser Stammhotel nicht wie versprochen ein Zimmer für uns reserviert hatte, mussten wir nach einer Alternative Ausschau halten. Im Endeffekt landeten wir dann in einem Rastafari-Hotel, von dem wir noch nie was gehört hatten. Das Zimmer punktete mit eigener Küche und riesigem Bad. Im Garten waren allerdings ein paar Gräber, die vielleicht Grund für die Besessenheit des Besitzers mit Teufeln waren. Ununterbrochen wurden wir als der Teufel höchstpersönlich bezeichnet und durften dem zusammenhangslosem Gerede lauschen. Neben den Gräbern wäre der pure Rum, den er herunterschüttete, auch eine plausible Erklärung für sein Verhalten.
Um 18 Uhr – Mitternacht deutscher Zeit – wurde dann zum ersten Mal mit der selbstgemachten Bowle angestoßen. Dafür hatten wir Champagner verwendet, der überraschenderweise der billigste erhältliche „Sekt“ im Supermarkt war... Danach durften wir unser richtig gutes selbst gekochtes Essen verspeisen – Kartoffelsalat und grüner Salat mit jeweils deliziösen Soßen, Wraps und Schokofondue zum Nachtisch. Gut gefüllt wurden wir dann in ein Restaurant am Strand gefahren, in dem sich die komplette Bevölkerung Treasure Beach's aufhielt – Einheimische und Touristen. Um Mitternacht jamaikanischer Zeit überraschte uns sogar ein kleines Feuerwerk und einige ließen auch Lampignons in den perfekten Sternenhimmel steigen... Meeresrauschen und verrückte Bekanntschaften machten Silverster komplett und zurückblickend war es ein sehr außergewöhnlicher Abschluss des sehr außergewöhnlichen Jahrs 2013...

8.1.14 15:10


Deutsche Pension, Busexplosion und Silvester in Jamaika

 

Die schöne Zeit, die ich an Weihnachten nicht hatte, durfte ich dafür dann umso mehr am darauffolgenden Wochenende erleben.
Da wir diesmal nur zu dritt waren, führte uns der Weg zur Destination Oracabessa natürlich über öffentliche Verkehrsmittel. Vier Taxis und ein Minibus waren dafür nötig und so kompliziert es auch klingen mag, die Reise stellte sich als überraschend einfach, die Wartezeiten als überraschend kurz und die Übergänge als überraschend fließend heraus. Schließlich landeten wir am Zielort und fühlten uns sofort wie zuhause. Das lag nicht unbedingt an der Nationalität der Besitzer von der deutschen Pension, aber an der schönen, liebevollen Gestaltung des Hauses, an dem kleinen Ort und an der Atmosphäre.
Früh durften wir dann deutsches Frühstück auf dem Balkon mit Meeresblick genießen. Abgesehen von echtem Kaffee (wenn auch natürlich nicht deutsch) hatten wir echtes, warmes Brot mit echter Butter und echter Marmelade. Als Extra bekamen wir sogar noch einen süßen Hefezopf mit Rosinen serviert. Manchmal lernt man Dinge erst lieben, wenn man gerade kein Zugriff auf sie hat. In Deutschland machte ich immer einen mittelgroßen Bogen um echtes Brot, bevorzugte mein Toastbrot, doch seit ich hier jeden Tag auf's Neue dickes und vor allem ungetoastetes Weißbrot zu mir nehmen muss, ist echtes, deutsches Brot für mich ein Paradies. Das neue Interesse verfolgte ich auch gleich vor Ort und nahm mir ein Laib Brot mit. Unglaublich, dass ich erst einmal nach Jamaika muss, um deutsches Brot schätzen zu lernen...
Abgesehen vom auf der Zunge zergehenden Essen und vom spendiertem, selbst gemachten Eierlikör war es auch sonst mein vermutlich bestes Wochenende bisher. Dafür sorgten lebhafte und vor allem tiefer gehende Konversationen. Politische Diskussionen oder auch Gespräche über Vegetarismus lehrten mir, dass man nicht immer die selbe Einstellung gegenüber der Welt haben muss, um sich gut zu verstehen. Da meine Freunde in Deutschland zwar nicht die selbe Einstellung wie ich haben, aber eine, die ungefähr in eine ähnliche Richtung geht, nahm ich immer an, dass das so sein muss. Dass man wenigstens in die gleiche Richtung schauen muss, um sich auf der selben Wellenlänge zu bewegen. Wir drei hatten komplett verschiedene Richtungen, aber konnten erfrischend hitzige Diskussionen haben, ohne an Sympathie zu verlieren.
Auch auf dem Rückweg geschah die Fortbewegung natürlich per öffentlicher Verkehrsmittel, was uns diesmal fast den Tod brachte. Das lag nicht an der halsbrecherischen Fahrweise, die hier schnell zur Gewohnheit wird. Ich saß mehr oder weniger gemütlich angelehnt mit geschlossenen Augen und entspannte mich, als auf einmal Panik im Bus ausbrach. Alle versuchten sich einen Weg zur Tür zu bahnen. Alle schubsten und rannten um ihr Leben. Niemand wurde vorbei gelassen. Das war durchaus problematisch für uns, die auf der hintersten Bank Platz genommen hatten. Gezwungenermaßen verließen wir also den Bus als letzte. Auf sicherem Boden sahen wir dann zum ersten Mal, was die Panik veranlasst hatte: Riesige Rauchwolken und Flüssigkeiten kamen aus dem Fahrzeug, dazu ein undefinierbarer Geruch. Als Laie würde man denken, dass eine Explosion nahe war. Das war auch genau das, was sich alle Passagiere dachten. Fast alle Jamaikaner sprangen dann auch bei der ersten Gelegenheit auf einen vorbeifahrenden Lastwagen – ohne zu zahlen natürlich. Wir blieben mitten im Nirgendwo stehen und warteten bis ein Passagier, angeblich ein gelernter Mechaniker, den Bus repariere. Auch nach 45 Minuten Warten war weder unser Schock noch der Bus richtig abgekühlt, aber wir wagten uns (fünf verbliebene Passagiere) wieder todesmutig in den Bus und überlebten die zweistündige Fahrt trotz vieler beunruhigender Geräusche. Die Todesangst, die wir wirklich verspürten, war zwar nicht gerade angenehm, aber das Erlebnis bleibt unvergessen. Zudem können wir voller Stolz sagen, dass wir mutig in dem Bus geblieben sind, während alle Jamaikaner, die an so etwas ja eigentlich mehr gewöhnt sein sollten, flüchteten!

Silvester in Jamaika, Silvester am Meer. Darauf freute ich mich schon letztes Jahr und nach dem verkorksten Weihnachten hatte ich wirklich ein gelungenes Silvester nötig. Kurzfristige Planänderung resultierte darin, dass wir nur zu dritt an unsere ursprüngliche Destination gingen – good, old Treasure Beach... Da unser Stammhotel nicht wie versprochen ein Zimmer für uns reserviert hatte, mussten wir nach einer Alternative Ausschau halten. Im Endeffekt landeten wir dann in einem Rastafari-Hotel, von dem wir noch nie was gehört hatten. Das Zimmer punktete mit eigener Küche und riesigem Bad. Im Garten waren allerdings ein paar Gräber, die vielleicht Grund für die Besessenheit des Besitzers mit Teufeln waren. Ununterbrochen wurden wir als der Teufel höchstpersönlich bezeichnet und durften dem zusammenhangslosem Gerede lauschen. Neben den Gräbern wäre der pure Rum, den er herunterschüttete, auch eine plausible Erklärung für sein Verhalten.
Um 18 Uhr – Mitternacht deutscher Zeit – wurde dann zum ersten Mal mit der selbstgemachten Bowle angestoßen. Dafür hatten wir Champagner verwendet, der überraschenderweise der billigste erhältliche „Sekt“ im Supermarkt war... Danach durften wir unser richtig gutes selbst gekochtes Essen verspeisen – Kartoffelsalat und grüner Salat mit jeweils deliziösen Soßen, Wraps und Schokofondue zum Nachtisch. Gut gefüllt wurden wir dann in ein Restaurant am Strand gefahren, in dem sich die komplette Bevölkerung Treasure Beach's aufhielt – Einheimische und Touristen. Um Mitternacht jamaikanischer Zeit überraschte uns sogar ein kleines Feuerwerk und einige ließen auch Lampignons in den perfekten Sternenhimmel steigen... Meeresrauschen und verrückte Bekanntschaften machten Silverster komplett und zurückblickend war es ein sehr außergewöhnlicher Abschluss des sehr außergewöhnlichen Jahrs 2013...

8.1.14 15:09


Jamaican Christmas

 

Endlich wagten wir, mein australischer Kollege und ich, letzte Woche eine richtige, offizielle Beschwerde über unser Journalismusprojekt, da wir nur im Radio und nicht wie versprochen in allen drei Bereichen (Print, TV und Radio) arbeiteten, und am Montag bekamen wir die ersten Früchte zu sehen: Die Organisation hat bei einer lokalen Zeitung und einem Fernsehsender angefragt, ob sie uns aufnehmen würden, und der Fernsehsender hat auch schon seine Zusage gegeben. Das gibt Hoffnung und mir die nötige Motivation, noch weiter mit Energie beim Radio bis zur „Umsiedlung“ zu arbeiten.

Der Dienstag – Weihnachten – war bisher das speziellste Weihnachten für mich, aber nicht unbedingt das Beste.

Alles begann damit, dass ich um 4 Uhr früh für einen Outside Broadcast in Kingston aufstehen musste. Normalerweise hätte ich da dankend abgelehnt, aber der Plan klang so gut, dass ich nicht widerstehen konnte: Wir würden in einen Vergnügungspark mit Kindern aus den Waisenhäusern, die wir in der vorigen Woche besucht hatten, gehen.
Manchmal muss es einem einfach nachdrücklich mit Gewalt klargemacht werden, dass man in Jamaika und nicht in einem schnellen westlichen Land ist: Wir fuhren 1 ½ Stunden später als geplant los, was echt ärgerlich ist, wenn man so früh aufsteht. Und als wir dann im Vergnügungspark ankamen, mussten wir erst einmal zwei Stunden auf die Kinder warten...
Ich finde es ja lobenswert, den Kindern Essen zu servieren, denn ein gemeinsames Mahl verbindet bekannterweise, aber dann sollte das auch ein Essen sein, das gesund und nahrhaft ist. Was gibt es in Jamaika? Chips, Kekse, fried chicken von KFC, ungetoastetes Weißbrot mit grün (!) gefärbtem Käse, Kuchen aus purem Zucker und ebenso süßes Eis. Wie sollen denn die Kinder etwas über gesunde Ernährung lernen, wenn ihnen so etwas von den „großen“, „weisen“ Erwachsenen vorgesetzt wird?
Wir durften noch Zeuge anderer eigenartiger Pädagogik werten: Es wurden wieder komische Geschichten vorgetragen, in denen oft die Eltern und die Liebe der Eltern eine tragende Rolle spielten. Das wird Waisen von Erwachsene mit Eltern erzählt? Welchen Sinn hat das? Realisieren die Geschichtenerzähler nicht, dass das relativ unsensibel ist? Natürlich kann man Waisen die Existenz von Eltern nicht verschweigen und es nicht vermeiden, sie wegen der Abwesenheit ihrer traurig zu machen, aber man kann es vermeiden, Geschichten, die das in Erinnerung rufen, an einem „Fun Day“ zu erzählen! Im Folge einer solchen Geschichte wurde ein Preis verliehen – eine Kette mit dem Zeichen einer Alkoholmarke und der Aufschrift Drink Responsibly. Für einen 10-jährigen. Glücklicherweise las er Drive Responsibly, aber trotzdem, wie kommt man denn auf so etwas? Das sendet doch auch wieder völlig falsche Signale? Da wurde lieber etwas Geld für eine schöne und angemessene Kette gespart und stattdessen ein Werbegeschenk weiterverwendet.. Moralisch etwas verwerflich.
Das klingt jetzt alles sehr negativ angehaucht, was vielleicht ein falsches Bild kreiert: Ich hatte Spaß, die Kinder hatten Spaß, es gab viele schöne Moment.
Die Aktion ist auch eigentlich eine gute, eine sehr gute Idee, es könnte nur etwas besser umgesetzt werden.
Als ich für das Radio interviewt wurde, repräsentierte das ein kleines Weihnachtsgeschenk für mich. Das erste Mal live im Radio zu sein, ist schon etwas besonderes!

Trotz dieser schönen Momente, kam einfach überhaupt keine Weihnachtsstimmung auf. Möglicherweise lag es auch an dem Essen: Cornflakes zum Frühstück, Erdnussbutter mit Ameisen auf dem Brot und das einfachste Abendessen, das ich bekommen hätte können (Reis, Bohnen und ein paar Tomaten)... Da es vermutlich sogar der schwächste Tag, was das Essen anging, war, fällt es einem natürlich noch schwerer, den besonderen Tag wahrzunehmen.

Abends ging es dann zu einer Art Vorfeier bei australischen Freundinnen, die ein eigenes Apartment bewohnen, die letztes Jahr als Freiwillige hier waren und nun wieder für 2 Monate zurück sind. Als wir dann auf dem Weg nach Mandeville zu zwölft in einem Taxi für sieben Menschen saßen, Weihnachtslieder hörten und sangen, kam das erste Mal etwas Atmosphäre auf.
Unglücklicherweise war diese aber sofort vorbei, als wir auf dem Grand Market waren – der berühmte, viel angepriesene Platz, der ganz Mandeville umfasste. Angeblich sollten wir dort hunderte Leute tanzend und singend auf den Straßen sehen, laute Musik hören und die für Autos gesperrten Straßen genießen. In der Wirklichkeit sah es anders aus: Es gab extrem viele Verkaufsstände, Knallfrösche und Autos. Laute Musik gab es nicht auf den Straßen, dafür aber in den Bars, was wiederum dafür sorgte, dass man sich nur schlecht unterhalten konnte. Wir fanden dann den ein oder anderen Platz und hatten eine relativ schöne Zeit. Aber das war definitiv nicht wegen der allgemeinen Stimmung auf den Straßen (viel Polizei, viele betrunkene Männer, viele Knallfrösche, viele verkaufswillige Menschen, die aufdringlich die „Whities“ dazu bringen wollten, etwas zu kaufen), das war wegen „unseren“ Menschen, d.h. alles positive hatte nichts mit dem jamaikanischen Weihnachten zu tun, das hätten wir auch überall anders hinbekommt. Etwas sehr negatives hatte jedoch sehr wohl etwas mit dem jamaikanischen Weihnachten zu tun: Als wir gegen halb 3 Uhr früh ein Taxi nehmen wollten, um wieder zu den Australierinnen fahren wollten, öffnete plötzlich ein Mann meine Tasche (was nicht so einfach wegen des speziellen Verschlusses ist) , ich bemerkte es sofort, griff sein Arm und schrie ihn an. Während er mit einem „Fuck you“ erwiderte, kontrollierte ich, ob alles da war, was überraschenderweise der Fall war. Bis eine Freundin, die neben mir stand und eigentlich gerade in eine Unterhaltung verwickelt war, bemerkte, dass ihr Smartphone aus der Hosentasche herausgenommen wurde. Wir erwischten den Mann noch einmal und konfrontierten ihn mit dem Verdacht, woraufhin er seine vorderen Taschen leerten und dann abhaute. Alle wichtigen Daten dieser Freundin und Fotos von vier Monaten waren auf diesem Smartphone und das Dramatische war, dass sie nirgendwo anders waren. Logischerweise war die Verzweiflung bei ihr groß und auch ich fühlte total mit. Eine riesengroße Wut auf solche widerwärtige Menschen entwickelte sich in mir, was uns Schwierigkeiten bereitete, den Rest des Abends positiv auszukosten. Stattdessen riefen wir sämtliche Kreditinstitute und Handyanbieter an, um alles, worauf der Dieb nun Zugriff haben konnte, zu sperren.

Nach dieser Enttäuschung hoffte ich dann auf den 25., den eigentlichen Weihnachtstag für die Jamaikaner. Früh bekam ich zwar zwei Pfannkuchen statt einem, aber ansonsten war nichts außergewöhnlich. Niemand aß zusammen, jeder einzeln. Niemand tauschte Geschenke aus, außer ich. Ich hatte mir einen solchen Druck deshalb gemacht und Geld, mit dem ich hier sogar noch penibler als in Deutschland umgehe, ausgegeben, weil meine Gastschwestern die ganze Zeit danach fragten. Es wäre ja ganz schön gewesen, wenn die Überraschung und Freude groß gewesen wäre, aber irgendwie war es zwar erstaunlich für sie aber doch auch ganz selbstverständlich, dass der Freiwillige was schenkt. Nur Geben meinerseits, immer nur Geben... Auch tagsüber wurde keine gemeinsame Zeit in der Familie verbracht, so dass ich etwas mit meiner Nachbarin spazieren ging. Abends stand dann die „Familientradition“ auf dem Programm: Ein Fabrikfest, zu dem sie nun schon seit elf Jahren gehen. Als ich dort ankam, fragte ich mich warum. Es war laut, laut für jamaikanische Verhältnisse, das heißt man konnte nicht miteinander kommunizieren. Meine Gastfamilie ist anscheinend mit dem Besitzer der Fabrik verwandt, so dass sie einen Getränkestand (einen von vielen – kommerzielles Treiben war natürlich wieder überall) hatten, was dafür sorgte, dass sie wieder nicht wirklcih miteinander agierten und was auch dafür sorgte, dass die Kinder fleißig betrunkenen, alten Männer noch mehr Rum ausschenkten... Es war generell nicht der richtige Ort für Familien, für Kinder. Besonders aussagekräftig war für mich das Bild eines Mannes mit Joint in der Hand und Kind im Arm. Auf der Bühne gab es einen Tanzwettbewerb, für den sich Kinder freiwillig melden konnten. Das Resultat davon waren unverschämt kurze Röcke oder Shorts tragende unter 10 jährige Mädchen, die ihr Hinterteil offensiv in Richtung Publikum streckten und es zu Dancehall-Takten dementsprechend bewegten. Wäre das nicht schon unangebracht genug, wurden auch noch einige von den Zuschauern ausgebuht. Das muss man sich einmal vorstellen – kleine Mädchen oder Jungen nehmen an Weihnachten all ihren Mut zusammen, tanzen ganz alleine vor hunderten von Menschen und müssen dann eine so deutliche, eine so extreme und verletzende Ablehnung erfahren? Was denken sich die Menschen, die da buhen oder lauthals „No“ schreien? Die, die nicht ausgebuht worden und gewannen, bekamen dann eine Flasche Duschgel von einer bestimmten Ladenkette, die so natürlich für sich werben wollte. Der Tanzwettbewerb allein widerte mich schon an, aber das Verhalten des Publikums sogar noch mehr.

Alles in einem: Weihnachten in Deutschland, selbst wenn man es nicht wirklich christlich feiert, sondern nur die Traditionen beibehält (also Weihnachtsmarkt, typisches Essen und Trinken, Weihnachtsbaum, Dekoration), ist tausendmal schöner. Es wird zwar kommerzialisiert, aber es herrscht auch deutlich mehr Atmosphäre und das ruhige Zusammenkommen mit den wichtigsten Menschen wird geschätzt. In Jamaika hatte ich mehr das Gefühl, dass alles kommerzialisiert und dann schön getrunken/gefeiert wird. Sehr widersprüchlich, wenn man an den starken Glauben und den christlichen Hintergrund von Weihnachten denkt...



6.1.14 14:32


Waisenhäuser und Kingston

 

Am Anfang der Woche durfte ich mit auf zwei Outside Broadcasts der besonderen Art: Ein Besuch in einem Waisenhaus. Anlässlich Weihnachten (was komisch ist, da Weihnachten im Glauben der Institution eigentlich ignoriert und vor allem nicht gefeiert wird) gibt es eine Serie von Outside Broadcasts, bei denen Kindern aus verschiedenen Waisenhäusern eine Freude gemacht werden soll. Dabei wurde Eis und Kuchen verschenkt und im Gegenzug dazu sollten die Kinder Weihnachtslieder für das Radio singen.

Montags ging es in ein Waisenhaus, in dem 22 Jungen lebten. Schnell kamen wir in Kontakt mit den Kindern, spielten Armdrücken und unterhielten uns. Viele waren einfach normale, pubertierende Jungen, einige zeigten im Gespräch und im Umgang allerdings erschreckende Aggressionen. So wollten etliche Soldat werden, behandelten die Tiere (Ziegen und Hasen) mit einer harten Hand und das ganze gipfelte sich, als wir einen gefährlichen Streit beobachten durften/mussten. Alle waren im Speisesaal versammelt, als plötzlich aus der einen Tür ein 17-jähriger Junge mit einem Brett in der Hand herein rannte und auf einen Altersgenossen losging. Es entwickelte sich eine handfeste Schlägerei, die grausam mit anzusehen war. Das Radioteam wurde samt Equipment in der Küche eingeschlossen, was die Angst nur noch vergrößerte. Während wir das Geschehen von drinnen beobachteten, liefen die kleineren Kinder ungesichert draußen herum und waren auf sich allein gestellt... Nachdem irgendwann noch ein dritter involviert war, die „Waffen“ größer wurden und das Ganze kurz vor der endgültigen Eskalation stand, kamen die männlichen Autoritätspersonen und griffen ein (zupacken und einschließen). Das war wirklich ein Schockmoment für uns, für das Radioteam, aber nachdem die Kinder und die Angestellten des Heims so abgeklärt reagiert hatten, fragte ich vorsichtig nach, ob das öfters passieren würde. „Fast jeden Tag“ war die traurige Antwort. Aber wenn man etwas länger darüber nachdenkt, ist es nicht wirklich verwunderlich: Mit 18 Jahren müssen die Kinder raus aus dem Heim, raus in die grausame Welt. Ihnen wird der Wohnsitz genommen, den sie vielleicht als ihr Zuhause bezeichnen konnten. Wenn sie dort weg müssen, haben sie vermutlich niemanden, der ihnen tatkräftig unter die Arme greift, wie das eine Familie, wie das Eltern machen würden. In diesem Alter realisieren sie wahrscheinlich sowieso langsam ihre Situation, ihr Leben und ihre Nachteile. Sie haben Selbstzweifel und kaum Halt und dann wird ihnen der Boden im wahrsten Sinne des Wortes unter den Füßen weggerissen. Es ist klar, dass sich dann die Stimmung auflädt. Vor allem unter Gleichaltrigen, die wahrscheinlich alle die gleichen Sorgen und Zweifel in sich tragen, sie nach außen aber verbergen und mit Händen und Worten stark werden wollen. Irgendwann wird die Frustration dann in Gewalt übertragen und solche Szenen entstehen...

Abends feierten wir den letzten Abend eines Freiwilligen und hielten uns nach einiger Zeit bei der Essensmeile, die wir sonst immer nach der Arbeit nutzen, auf und spielten ein Trinkspiel, das einen Ball und viel Platz benötigte. Nachdem der ein oder andere die Toilette benutzen hätte müssen, durften wir feststellen, dass diese bereits geschlossen waren. Als sich schon Verzweiflung breit machte, wurden wir von Nettigkeit überrascht. Die Security-Lady bot uns an, die Toiletten aufzuschließen und meinte mit einem Lachen, dass sie genau wüsste, dass Bier einem nach einer Weile immer den Weg dorthin weisen würde. Sie sperrte auf, ein erstes Mal, ein zweites Mal, ein drittes Mal, ein viertes Mal. Und immer mit einem Lächeln im Gesicht. Das hat mich schon sehr überrascht – ist denn Sicherheitspersonal normalerweise nicht für Griesgrämigkeit und miese Laune bekannt? Ich weiß nicht, ob das jamaikanische Sicherheitspersonal generell so warmherzig wie unsere Security Lady ist, aber ich mag es jedenfalls, positiv von einem Land und seinen Leuten zu überrascht werden!

Dienstags ging es mit der Arbeit in das nächste Waisenhaus, das ganz andere Dimensionen bereithielt: eine riesige Anlage mit integriertem Schweine- und Hühnerstall und außerdem über 60 Kinder beider Geschlechter. Auch die Atmosphäre erschien mir anders. Vielleicht lag es daran, dass die Kinder bereitwillig und fröhlich ihre einstudierten Lieder vortrugen. Vielleicht lag es daran, dass es mehr kleine und somit unbeschwertere Kinder gab. Während einer Singpause gaben die Mitarbeiter des Radioteams den Kindern etwas auf den Weg, zum Beispiel durch eine anschauliche Geschichte. Eine schöne Idee. Aber eine Mitarbeiterin stach mit einer denkwürdig bizarren Geschichte heraus. Es handelte sich dabei um einen schwarzen Esel, der lieber weiß sein wollte. Die Farben kamen in jedem Satz mindestens einmal vor und bei jeder weiteren Erwähnung schauten mein australischer Kollege und ich uns ungläubig an. Das klang alles viel zu rassistisch, die Farben wurden zu sehr betont. Warum konnte der Esel nicht blau sein und wäre lieber pink? Da würde sich niemand angegriffen fühlen, da könnte man keine Parallelen heraushören. Die Moral der Geschichte war, dass das Aussehen nicht zählte. Eine Botschaft gegen Rassismus? Naja, so wie sie erzählt wurde, wurde einfach kontinuierlich der Unterschied hervorgehoben.
Ein großes Zeichen mit dem Namen meiner Organisation stand gleich am Eingang. Früher arbeiteten regelmäßig Freiwillige dort. Ein Mädchen erzählte mir allerdings, dass alle weißen Leute, die sie bisher kennengelernt hatte, nervig und eklig gewesen waren. Was haben sich da die Freiwilligen geleistet? Oder sind sie nur dem Wunsch nach Geschenken und Süßigkeiten nicht nachgekommen? (Das deutete zumindest eine Aussage an...)

Am Donnerstag widerfuhr mir eine Begegnung der besonderen Art. Alleine saß ich mit meinem Computer an der Essensmeile, als ein Jamaikaner ankam und sich kurz mit mir unterhielt (das ist nichts besonderes, sondern Alltag). Er war nicht wirklich nervig oder aufdringlich, was schon überraschend genug war, aber es kam noch besser, als fünf Jamaikanerinnen auf ihn zu gerannt kamen und jede einzeln ein Foto mit ihm haben wollte. Also nahm ich logischerweise an, dass er irgendwie berühmt sein musste. Es ging aber noch weiter mit den Überraschungen: Er fragte mich, ob ich etwas zu essen wollte und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kostenloses Essen nie ablehnen würde. Er bestellte also ein Gericht und eine Flasche Wasser, wollte danach aber nicht was weiß ich im Gegenzug, sondern ging nach der Bestellung und Bezahlung. Was hab ich mich gefreut!

Nach zwei Tagen „normaler“ Arbeit im Büro landete ich am Freitag durch Zufall wieder in einem Waisenhaus. Wegen komplett fehlgeschlagener Kommunikation seitens der Organisation, verbrachte ich spontan 3 Stunden in dem Heim, in dem alle Freiwilligen arbeiten. Es beherbergte vor allem Kinder unter fünf Jahren, was sich als relativ anstrengend herausstellte. Ich durfte ein fünf Tage altes Baby im Arm halten und die Flasche geben. So unfassbar süß es auch war, so traurig ist es, dass es im Heim wirklich regeelmäßig Neuzugänge gibt. Es ist erschreckend, wie viele Waisen es in Jamaika gibt. Das ist im jeden Fall ein Indikator dafür, dass es wirklich noch ein Entwicklungsland ist und viele Probleme überwunden werden müssen.
Was auch erschreckend ist, wie wenig die Arbeit der Frauen, die dort 24 Stunden pro Tag ohne Pause arbeiten, geschätzt und somit bezahlt wird. Sie bekommen umgerechnet nur 50-60 Euro die Woche. Umso bewundernswerter ist ihre echte Zuneigung und Widmung gegenüber der Kinder.


Anschließend verbrachten wir das erste Wochenende ohne Strand. Kingston. Das kam vor allem wegen des Major Lazer und Skrillex Konzerts am Freitagabend zustande. Für europäische Verhältnisse war der Preis grandios: Umgerechnet 22 Euro für das Konzert mit Weltstars und für Freigetränke! Interessant war das Publikum. Es zeigte sich das junge Jamaika, das westlich oder manchmal übertrieben westlich gekleidete Jamaika. Die vielfältigen Ethnien waren ebenso faszinierend, viel asiatischer (chinesischer und indischer) Einfluss. Diese Beobachtung passt gut zu dem neuen jamaikanischen Liebling: Eine chinesisch-jamaikanische Sängerin hat die US-amerikanische Sendung The Voice gewonnen und wird nun überall gefeiert, obwohl man mit ungeübten Blick nicht unbedingt vermuten würde, dass sie aus Jamaika kommt.

Nebenbei durften wir in Kingston das wohl einzige Hostel in Jamaika kennenlernen. Es war genauso gestaltet, wie man sich das als junger/Rucksack-Tourist wünscht: Sehr nettes und hilfreiches Personal, saubere, einfache Zimmer (aber sogar mit Klimaanlage), saubere Gemeinschaftsbäder, ein Computer, eine Bücherei, im Preis mit inbegriffenes Frühstück und kostenlos erhältlicher Kaffee den ganzen Tag über und nette, weltoffene Menschen. Ich wollte sowieso meine letzten Tage in Kingston verbringen, um noch ein kleines Kulturprogramm zu verfolgen, und dieses Hostel hat meinen Plan bekräftigt.

Am Samstag besuchten wir das unverzichtbare Bob Marley Museum. Ich erwartete nicht allzu viel, meine Erwartungen wurden auf alle Fälle übertroffen: Eine gute Führung (eine Stunde lang) begleitete uns durch das relativ kleine Originalhaus. An jeder Ecke wurde eine besondere Geschichte erzählt, manche Räume waren noch original erhalten so wie die Küche und das Schlafzimmer. Die pure Authentizität vermittelte einen echt guten Eindruck von seinem Leben und lehrte vor allem mir, die wirklich nicht bestens informiert war, viele neue Sachen.

Als wir einen Minibus für Mandeville nehmen wollten, mussten wir am Downtown-Busstand warten. Dieser war dreckig, wuselig, authentisch und voller interessanter und teilweise ekliger Menschen. Aber so etwas und ganz Kingston habe ich genossen – endlich mal kein Wochenende voller Strandtage, voller Nichtstun und ohne Kultur, dafür mit umso mehr Touristen. Einfach nur authentisches Jamaika, das wir ja eigentlich auch in unserem Mandeville vorfinden, wobei Kingston einfach viel mehr Kultur und interessantes Programm zu bieten hat!

Samstagabend feierten wir dann in eben diesem Mandeville den letzten Abend eines Freundes. Da die curfew am Wochenende nicht um 22h30 sondern um 1h30 festgesetzt ist, durfte/musste ich dann zum ersten Mal ein Taxi nach 12 Uhr nehmen. Ein von der Organisation nicht empfohlenes (verbotenes) White Plate Taxi (die offiziellen, die zugelassenen haben immer ein rotes Nummernschild) war die einzige Möglichkeit wie es meistens auch schon nach 10 Uhr abends der Fall ist. Drei Stunden später dauerte es nur deutlich länger das Taxi zu füllen und ich musste 20 Minuten mit nur einem anderen Mitfahrer warten. Letzterer war sichtbar betrunken/bekifft/beides und spuckte kontinuierlich in das Taxi. Mit so etwas fühlt man sich um diese Zeit wirklich wohl und behaglich!

Am Sonntag machte ich mich im größten Supermarkt auf Suche nach Weihnachtsgeschenken. Ich dachte an ein Gesellschaftsspiel für die ganze Familie, weil statt einem Spiel oder einer Unterhaltung meistens der Fernseher alle versammelt, aber die Preise machten mir einen Strich durch die Rechnung: Alles war verdammt teuer. Schon ein einfaches Kartenspiel kostete 8 € und ein normales Monopoly 25 €... Glücklicherweise fand ich mehr oder weniger akzeptable Alternativen.

Abends waren wir für den letzten Abend zu viert in einer der Stammbars der Freiwilligen, die eigentlich nur aus einer kleinen Hütte auf einem Grundstück besteht. Das ist jetzt eigentlich nichts besonderes, weil wir dort mindestens einmal in der Woche sind, doch es ist erwähnenswert, weil es einfach eine gute Runde mit guten Unterhaltungen war und genauso war, wie ein Sonntagabend sein sollte (vom Abschied abgesehen)...



Im nächsten Eintrag geht es fast ausschließlich um das ganz andere, merkwürdige, befremdliche, überraschende Weihnachten in Jamaika!

27.12.13 05:14


Jamaikanische Hilfsbereitschaft und jamaikanische "Evolution"

 

Ein richtig schönes, graues Deutschlandwetter hielt der Dienstag für uns in Jamaika bereit. Den ganzen Tag regnete es in Strömen, so dass die Straßen am Ende Sturzbächen glichen. Es war nicht genug, dass meine gesamte Wäsche dadurch nicht trocknete, sondern nasser als in der Waschmaschine wurde, nein, ich geriet erst bei meinem Weg von der Arbeit zur Essensmeile in einen Schauer und wurde trotz einem Regenschirm für zwei verdammt nass, dann nach einem sonnigen Hoffnungsschimmer auf meinem Heimweg fing es das extreme Schütten an und mein Heimweg dauert zu Fuß ungefähr eine Stunde. Mit tropfender Kleidung, mit tropfenden Haaren und niedergeschlagenem Gesicht versuchte ich, mir einen Weg durch die Pfützen, die die Dimension von einem See hatten, zu bahnen, dabei hielt ich immer Ausschau nach einem Taxi, das mich hätte mitnehmen können – ohne Erfolg. Nach 20 Minuten Verzweiflung passierte mir etwas wirklich erfreuliches: Eine Frau erblickte mein miserables Äußeres, hielt an und nahm mich mit! Sie nahm mich tatsächlich mit und fuhr mich, obwohl für sie ein Umweg, direkt vor meine Haustür. Währenddessen unterhielten wir uns sehr nett und ich merkte, wie viel Freude es ihr bereitete, mir eine (sehr große!) Freude zu bereiten. Ich liebe es, wenn dir diese bedingungslose Hilfsbereitschaft zu einem Zeitpunkt begegnet, an dem du es am wenigsten erwartet hättest, an dem du der Verzweiflung nah warst und an dem du über das Leben fluchtest. Wenn dich dann ein netter Mensch durch Nettigkeit und Hilfsbereitschaft überrascht, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, hörst du auf über die Welt zu fluchen und bekommst sofort wieder gute Laune. Die Menschheit lässt einen oft verzweifeln, deprimieren, aber manchmal widerfährt dir eine Begegnung mit einem kleinen Teil der Menschheit, der dir Hoffnung gibt.



Bei den allmorgendlichen Kundgebungen stehen mir eigentlich jedes Mal die Haare zu Berge aufgrund der schon einmal erwähnten extremen Religiosität und den damit verbundenen Aussagen, aber am Mittwoch wurde alles andere in den Schatten gestellt. Ganz selbstverständlich wurde die Evolutionstheorie verleugnet und nicht nur das, die Unterstützer dieser wissenschaftlich bewiesenen Entwicklung des Menschen wurden als lächerlich dargestellt, sie wurden ausgelacht. Ich dachte, in puncto Religiosität schockiert mich hier gar nichts mehr, aber dass hier die Mehrheit mit großer Überzeugung die Evolutionstheorie leugnet, hat mich noch einmal von hinten überrollt. Wenn man im aufgeklärten und wissenschaftlich orientierten Westen aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, kann man sich einfach nicht vorstellen, dass es noch ganze Gemeinschaften, ganze Länder gibt, die das wie selbstverständlich von sich weisen, was für uns als selbstverständlich und vor allem als Wahrheit gilt. Meine Kollegen, sehr gut gebildet, wortgewandt, intelligent und kreativ, ordnen sich einfach in das Muster ein... Würde ein armer Bauer, der kaum Zugang zu Bildung hatte, nicht an die Evolutionstheorie glauben, würde man abwinken. Woher soll er es doch auch anders wissen? Aber meine Kollegen hätten alle Möglichkeiten und Zugang zu den Informationen, aber anscheinend nutzen sie das eher, um an „Beweise“ gegen die Evolutionstheorie zu kommen...



Am Donnerstag traf ich überraschenderweise in einer unserer Stammbars einen Jamaikaner, der vor vier Wochen in Bamberg war! Manchmal gibt es wirklich große Zufälle – dass ich auf dieser Insel zur gleichen Zeit am gleichen Ort mich mit einem Jamaikaner unterhalte, der im großen Deutschland ausgerchnet in meiner kleinen Heimatstadt war!! Ich hab mich jedenfalls gefreut und werde von nun an bei meinen Bambergaufenthalten nach mehr Jamaikanern Ausschau halten...



Unser Ziel für dieses Wochenende war Orange Bay. Würde ich das jemand sagen hören, würde ich fragen: Welches Orange Bay? Komischerweise gibt es nämlich auf der kleinen Insel Jamaika wegen mangelnder Kreativität zwei Orte, die so heißen. Wir waren in dem Orange Bay, das wir beabsichtigt hatten, aber das gebuchte Hotel war im anderen Orange Bay, dem an der Ost- und nicht dem an der Westküste. Da es im beabsichtigten Orange Bay kein Hotel gab, war die einzige Alternative das einen Katzensprung entfernte Negril.

Diesmal bekamen wir das billige Hotel direkt am Strand mit kleinen, einfachen Hütten. Abends gönnten wir uns richtiges, italienisches Essen, das uns Europäern/Australiern richtig gut tat. Zudem war das Restaurant sehr schön gestaltet, wenn man sich auch für kurze Zeit weit weg aus Jamaika fühlte. Am nächsten Tag gingen wir auf den Markt, obwohl der Name nicht ganz zutrifft. Im Rest vom Jamaika ist ein Markt ein Platz, an dem man von Obst über Gemüse bis zu Kleidung und Handykarten alles kaufen kann. In Negril war der Markt extra für Touristen und nur mit Souvenirs bestückt. Das Verhalten der Händler erinnerte mich etwas an Indien. Strategisch und ausdauernd versuchten sie die Touristen an ihren Stand zu locken, es wurde aber viel mehr an die Emotionen der potentiellen Käufer als in Indien appelliert und es war trotz allem nicht so extrem.
Abends gingen die zwei Vegetarier unter uns wieder bei Rastafaris essen. Da wir diesmal in einer ganz anderen Ecke von Negril waren, wählten wir nicht das fantastische „Restaurant“ vom letzten Mal, sondern ein nah gelegenes. Das war größer, d.h. es gab drei Tische und man konnte nicht in die Kochtöpfe schauen. Das Essen war wieder eine Kombination, allerdings nicht so gut wie die vom letzten Mal, dafür aber auch billiger. Durch die Größe hatten wir zwar nicht so viel Kontakt zum Besitzer, trotzdem war es tausendmal jamaikanischer und authentischer als der Italiener. Alles in allem sind Rastafari-“Restaurants“ definitiv meine liebste Möglichkeit zum Essen. Gesunde, echt jamaikanische, große und vegetarische Mahlzeiten sind eine wirkliche Ausnahme und jedes Mal wieder ein Genuss.

18.12.13 14:28


Magie in Jamaika

 

Bei der Rückfahrt von Treasure Beach am Sonntagabend wurden wir von unserem privaten Taxifahrer in eine andere Welt gefahren – er wählte einen besonderen (und besonders gefährlichen) Weg, der im Prinzip um den Berg immer höher ging. Nachdem wir am Anfang wenig begeistert von der verdammt engen und kurvigen Straße waren, wurden wir später durch einen magischen Ausblick besänftigt. Pünktlich zum Sonnenuntergang konnten wir von dem Berg hinab auf das Tal, das Meer und die untergehende Sonne herunterblicken. Das Faszinierende war, dass es so aussah, als wäre das Leben dort unten stehen geblieben: Das Meer bewegte sich nicht, es ähnelte eher einer ausgebreiteten Folie. Es war, als ob wir zu einem Punkt gelangt wären, an dem wir alles überblicken konnten, an dem wir abseits von allem Treiben waren, an dem wir nur wir waren und uns nichts stören konnte. Es war, als ob wir in einer anderen Welt angelangt wären und auf die Welt, in der wir normalerweise verweilen, nun herunterblicken konnten. Mir ist bewusst, wie merkwürdig und irreal das jetzt klingt. Es ist ein irreales Gefühl und man muss es gelebt haben, um es zu verstehen.



Da vor allem die Deutschen unter uns die Weihnachtsatmosphäre vermissten, wollten wir am Dienstag Plätzchen backen und gingen in den größten Supermarkt der Stadt, um alle Zutaten zu bekommen. Letztendlich mussten wir uns mit einer (sehr leckeren) Fertigpackung Brownies begnügen, denn es gab keinen Zucker! Das muss man sich mal vorstellen! Keinen Zucker im größten Supermarkt der Stadt! Nach einigen Überlegungen wurde mir auch klar, wo der ganze Zucker steckt: In den Konditoreien... Sowohl Montag als auch Dienstag durfte ich ein Stück Torte probieren und es schmeckt einfach nur nach purem Zucker und Farbstoffen. Es ist mir klar, dass Torten immer süß sind, aber normalerweise schmecken sie dann nach Schokolade, Sahne, Früchten, was weiß ich, sie schmecken jedenfalls auch nach etwas anderem als Zucker! So viel zu dieser Fehlplatzierung von Zucker in Jamaika...



Den Rest der Woche konnte ich nicht wirklich neue Entdeckungen machen: Am Mittwoch schleppte ich mich endlich zum Arzt und es wurde Bronchitis diagnostiziert, was für mich erzwungene (und nicht wirklich eingehaltene) Bettruhe und Antibiotika bedeutete.



Da ich deshalb nicht meine persönlichen Erfahrungen im Hinblick auf Jamaikas Gesellschaft analysieren kann, nehme ich mal ein Thema her, das mein Interesse beim Zeitungslesen erweckt hat.

80 000 westliche Sextouristinnen statten Jamaika jedes Jahr einen Besuch ab. So überraschend es für mich im ersten Moment auch war, desto klarer wurde es mir nach einigen Überlegungen: Was wollen ungeliebte, unglückliche Frauen mehr als im Karibikparadies endlich Zuwendung zu erfahren? Irgendwie liegt es nahe, aber doch erschreckend. Mich würde, obwohl es mich gleichzeitig anekelt, brennend interessieren, wie so etwas genau abläuft. Ob so etwas manchmal Zukunft hat oder sich alles nur um kurzzeitiges Vergnügen dreht. Jedenfalls sind diese 80 000 westliche Sextouristinnen sicherlich mit ein Grund, dass sich jamaikanische Männer unentwegt falsche Hoffnungen machen...



Pünktlich zum Wochenende durfte ich wieder offiziell am sozialen Leben teilnehmen und diesmal waren wir „en route“ nach Ochos Rios bzw. Falmouth.

Auf dem Weg zeigte uns unser privater Taxifahrer den Ort, an dem Kolumbus zum ersten Mal jamaikanisches Land betrat – Discovery Bay. Er hatte sichtlich Spaß, uns mit diesem besonderen Platz bekannt zu machen, aber stelle sofort klar, dass er Kolumbus nicht leiden mochte, da dieser die Bevölkerung ausgeraubt hatte. Das war das erste Mal, dass ich jemanden deutlich und vor allem mit Emotionen über die Kolonialvergangenheit reden gehört habe. Manche Jamaikaner scheinen also doch die Geschichte, die grausame Geschichte, noch parat in ihren Köpfen haben und bereit sein, sich im Sinne ihrer Vorfahren darüber aufzuregen.

Das billigste Hotel im Touristenort Ochos Rios war immer noch recht teuer, aber dafür purer Luxus: Warmes Wasser, gemütliche Betten, geräumiger Balkon mit Meeresblick, eigener Strand mit Korallenriff (jeder einzelne Fisch sichtbar) und Pool.

Der stark vertretene Tourismus war spürbar, als große Schiffe mit großen Schwärmen von Touristen vor unserem Hotel wegen des Korallenriffs anhielten, Musik spielten oder Lautsprecherdurchsagen machten und die Menschen für 10 Minuten im Meer baden ließen. Das ist lauter Sensationstourismus, wie man ihn sich vorstellt...

Tourismus spürbar, als Gruppenschiffe vor unserem Hotel wegen des Korallenriffs anhielten. Lauter Sensationstourismus...

Nachmittags machten wir dann einen Abstecher nach Falmouth, ein süßer kleiner Ort, eine ehemalige Kolonialstadt. Dort durften wir den ganz besonderer Flair, den man sonst wohl nirgendwo in Jamaika vorfinden würde, einatmen. Alte Gebäude und detailreiche Dekoration ließen es einerseits wie ein Schauplatz von Fluch der Karibik oder eines Südstaaten der USA Anfang des 20. Jahrhunderts erscheinen, andrerseits wirkte es durch den extrem englischen Einfluss sehr europäisch, auch der starke Wind erinnerte irgendwie an die Nordsee. So fanden wir jedenfalls ein Stück Europa in Jamaika und die Tatsache, dass ich mich dort sofort heimisch, wohl und wie angekommen fühlte, zeigt mir wieder einmal, dass als dauerhafter Wohnsitz für mich nur Europa infrage kommt. Ich kann es mir vorstellen und habe es durchaus vor, für einige Jahre (oder gar Jahrzehnte – wer weiß, was das Leben bringt) beispielsweise in Afrika zu leben, aber trotzdem vermute ich, dass ich immer den Fokus meines Lebens, meines gesamten Lebens, in Europa sehen werde.

Für ein magisches Erlebnis sorgte der Abstecher zum Glistening Water bzw. erst einmal zu einem Restaurant, das als Bootsanlagestelle diente. Eines dieser Boote brachte uns dann zu dem glitzerndem Wasser, eines der größten Wunder der Natur. Ein Mikroorganismus (der größte der Welt ist in Falmouth) sorgt dafür, dass das Wasser bei jeder Bewegung erleuchtet. Nach der kurzen Bootsfahrt, während der wir schon über die leuchteten Stellen im Wasser (Fische!) staunen durften, wurde uns auch erlaubt, dieses Naturwunder hautnah mitzuerleben. Sobald wir im Meer waren und uns bewegten, fühlten wir uns ein wenig wie in Avatar und konnten das Phänomen gar nicht richtig begreifen. Am meisten genoss ich gen Horizont zu schwimmen, das bist dann einfach nur du, deine leuchtenden Arme und die Welt. Auf alle Fälle ein magischer Moment, der Gänsehaut erzeugte. Nur der Kapitän, der sein Boot mit den üblichen Jamaika-Touristen geladen hatte, benahm sich wie ein Mix aus Lehrer und Entertainer. Nachdem wir wieder auf dem Festland angekommen waren, war es, als ob wir gerade aus einer anderen Welt kamen. Das ganze Erlebnis fühlte sich irreal an, weshalb man es auch nicht nachvollziehen kann, wenn man es nicht erlebt hat. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich!


Unser Sonntag wurde durch den Regen erzwungen ein typischer Sonntag, an dem man im Bett liegt, redet/Musik hört/fernsieht und isst. Das einzige, was bei uns abwich, war der Blick auf das Meer und ein kleiner Abstecher in den Swimmingpool. Also man kann es nicht oft genug betonen: Gegen allgemeiner, westlicher Meinung regnet es oft und stark in Jamaika!

10.12.13 16:13


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