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Großzügigkeit, Politik und Zensur in Jamaika

 

Nachdem wir von unserem Ausflug zurück gekommen waren, durfte ich zwei wunderbare Stunden im riesigen Supermarkt als Babysitterin für meine drei Gastschwestern sowie deren Cousins verbringen. Mein durch Müdigkeit geschwächter Körper durfte also Kindern hinterher rennen und zwölf Hände gleichzeitig davon abbringen, etwas kaputt zu machen. Nebenbei wurde mir wieder die extreme materielle Orientierung der Kinder hier vor Auge geführt – meine 10-jährige Gastschwester hat übrigens letztens ein 150 Euro teures Gameboy geschenkt bekommen (vermutlich von dem Geld, was wir den Gastfamilien zahlen) und das sonst so gesprächige und aufgeweckte Mädchen isoliert sich jetzt vollkommen mit ihrem neuen Spielzeug. Die pädagogisch großartigen Effekte eines Gameboys... Liebe Eltern, danke, dass ich nie eines hatte!
Zurück zum Supermarkt: Etwas positives habe ich gesehen – es gibt dunkelhäutige Barbies. Natürlich auch blonde, aber in Indien beispielsweise waren das die Einzigen, die in den Läden erhältlich waren.
À propos Indien.. Im Supermarkt habe ich eine indische Familie gesehen. Endlich! Endlich bekomme ich mal einen Teil der angeblich so großen indischen Bevölkerung zu Gesicht! Ich vermisse Indien. Und zwar mehr, als ich es in meinen 2 Wochen Deutschland vermisst habe. Ich vergleiche einfach alles hier mit Indien und obwohl manches hier aus einer objektiven Perspektive „besser“ ist, fehlt mir Indien. Mir fehlt das Essen, mein Freundeskreis, die manchmal fast eklige Atmosphäre auf den Straßen, die Großzügigkeit und die religiöse Vielfalt.

Die letzten beiden Punkte werde ich hier mal etwas genauer ausführen – auch im Bezug auf Jamaika.

Großzügigkeit. In einem Blogeintrag über Indien habe ich diesen wichtigen Wert der Gesellschaft mal angesprochen, in Kurzform könnte man sagen, dass einfach jeder, egal welches Alter oder egal welche gesellschaftliche Stellung, alles, vom Apfel über die Flasche Wasser bis zum Lieblingsschokoriegel, teilt. Es wirkt so, als ob jeder ein schlechtes Gewissen hätte, sobald man etwas hat, was der andere nicht hat. So werden Kaugummis gedrittelt, damit alle etwas abbekommen. Aber es macht doch Sinn, ich glaube, jeder kennt den Moment, wenn man sich nach etwas verzehrt, dass der andere gerade isst. Ich erinnere mich noch sehr genau, wenn in der Schulpause sich jemand eine ofenfrische Brezel gekauft hat und die dann vor meinen Augen gegessen hat! Da erscheint es doch nur logisch und fair, immer alles anzubieten. Wenn man bedenkt, dass ich die Logik hinter diesen Wertes so sehr vertieft habe, dass ich mir es selber auch vermehrt angewöhnt habe und dass ich es nun als extrem unhöflich empfinde, wenn Leute etwas essen/trinken und es nicht einmal anbieten, erkennt man, dass ich mich an diesen Wert der indischen Gesellschaft sehr schnell gewöhnt habe und ihn in meinem Handeln und Denken vertieft habe.

Religiöse Vielfalt. In Indien konntest du leichthin sagen, dass du nicht christlich bist. Das wurde akzeptiert und solange man bestätigt, dass man an irgendetwas glaubt, waren alle zufrieden. Die Vielfalt der Religionen wurde akzeptiert und geschätzt. Hier wird bei den morgendlichen Gotteslobgesängen/Gottesgesprächen festgestellt, dass Leute, die unwissend über die Existenz Gottes und Jesus' waren und sich deshalb einem anderen Glauben zugewandt haben, trotzdem in den Himmel kommen und nur, die sich bewusst gegen Gott gewandt und dem Teufel, dem Feind, zugewandt haben, in der Hölle landen. Ganz kurz war ich davor, in die Runde zu fragen, ob eine Person, die unheimlich viel Gutes für die Menschheit getan hat (z.B. in der Entwicklungshilfe), aber trotzdem bewusst nicht an Gott glaubt, auch in der Hölle landen würde. Würde dann der Glaube an Gott höher gewertet als die Taten für die Menschheit? Würde Gott höher als die Menschheit gewertet und dieser guten Person das ewige Leben verwehrt? Es ist nicht so, dass ich mir die Frage stelle, da ich ja nicht an das Himmel-Hölle-Prinzip glaube, aber mich würde brennend interessieren, was Leute, die daran mehr als alles andere glauben, sagen würden... Werden gute und schlechte Menschen nur nach dem Glauben an Gott unterschieden? Kann jemand, der bewusst nicht an Gott glaubt, kein guter Mensch sein? Vielleicht traue ich mich einmal, diese Fragen gegen Ende zu stellen. Nach fast drei Wochen muss ich jedenfalls sagen, dass mir diese übertriebene Euphorie und Blindheit gegenüber Religion extrem auf die Nerven geht. Indien ist ein extrem religiöses Land, aber Religion wird keinem aufgezwungen durch beispielsweise tägliche Gotteslobgesänge auf der Arbeit, da man weiß, dass Akzeptanz und Respekt gegenüber anderen Glaubensvorstellungen wichtig sind.

Montag- und Mittwochabend kam dann die ersten Momente des Abschieds. Gleich drei Freiwillige reisten ab und drei folgen noch dieses Wochenende. Es ist ein Kommen und Gehen hier, aber in letzter Zeit wohl eher ein Gehen. Das lässt einen realisieren, wie schnell man sich an sein neues Umfeld gewöhnt, wie schnell man Menschen in sein Herz schließt, obwohl man sie doch erst zwei Wochen kennt und noch nicht einmal jeden Tag mit ihnen verbringt. Es ist jedenfalls traurig, dass alle, mit denen ich mich schon etwas angefreundet habe, recht bald gehen. Das schöne ist aber, dass man Kontakte überall auf der Welt knüpfen kann und sein internationales Umfeld erweitert...



Politik in Jamaika. Generell kann man sagen, dass das britische Regierungssystem mehr oder weniger übernommen wurde und dass es zwei wichtige Parteien gibt (also ähnlich wie in den USA). Die konservative, Mitte-rechts orientierte nennt sich komischerweise Jamaica Labour Party und die demokratisch-sozialistische nennt sich People's National Party. Zudem gibt es natürlich einige kleine Parteien, darunter auch eine Partei der Rastafaris.
Dienstag hatte ich dann jedenfalls die Gelegenheit, einen relativ wichtigen Politiker Jamaikas zu treffen. Mein Kollege nahm mich wie versprochen zu der Gesprächsrunde mit, die anscheinend nur für wichtige oder für interessierte (?) Menschen reserviert war: Mich eingeschlossen waren wir nur sieben. Was ich davor nicht wusste, bei meinem Kollegen handelt es sich nicht um den Leiter eines Clubs für politisch Interessierte, sondern um den Leiter eines Clubs für Anhänger der Jamaica Labour Party, der konservativen Partei Jamaika. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich nicht mitgegangen.. Nein, gerade wenn man unterschiedliche Meinungen hat, kann so etwas trotzdem sehr interessant sein, außerdem würde es mir einen Einblick in die politische Landschaft Jamaikas gewähren. Bevor der gute Mann mit seinen Tipps/Ratschlägen/Erzählungen für seine potentiellen Nachfolger anfing, unterhielt er sich kurz mit mir. Bald kamen wir auf Angela Merkel zu sprechen, ich erklärte ihm, warum ich sie nicht mochte, erwähnte unter anderem die Energiewende, ihr Handeln in der europäischen Wirtschaftskrise, die Flüchtlingsproblematik sowie die „Herdprämie“. In unserem Gespräch sollte er nicht wirklich darauf eingehen, aber in seinen späteren Erzählungen würde er sich darauf beziehen.
Ich habe jedenfalls sehr journalistisch mitgeschrieben und fasse mal einige Aussagen inklusive Kritik bzw. Interpretation zusammen.

Zum einen betonte er: „Democracy is built on majority“. Dem kann man nun prinzipiell nicht widersprechen, aber was für Konsequenzen der Mann daraus zog, fand ich teilweise ziemlich erschreckend.
Sein „Geheimnis“ besteht darin, einflussreiche Personen zu identifizieren, sich ihnen anzunähern, ihn den ein oder anderen Gefallen zu tun, somit mit ihnen auf gutem Fuß zu stehen, so dass sie dann ihren „Einflussbereich“ auf die „richtige“ politische Seite ziehen. Er riet den Studenten, ein ähnliches Verfahren auf ihrem Campus anzuwenden: Sie sollten doch andere Studenten (bevorzugt mit schwacher Meinung – das hat er nicht gesagt, aber das ist die logische Konsequenz) einfach ansprechen, lockere (banale) Unterhaltungen führen, sich mit ihnen verabreden, eine Art Freundschaft aufbauen und wenn das alles geschehen ist, sie politisch beeinflussen, d.h. ihnen nach und nach mit genügend Taktgefühl klarmachen, welche Partei sie zu wählen haben. Die Teilnehmer der „Gesprächsrunde“ nickten zustimmend und begeistert, natürlich – es klingt nach einem rationalen, intelligenten und gut in die Tat umsetzbarem Plan, aber wo wurde da die Moral gelassen? Hypokritische Vorgehensweise scheint hier als normal angesehen zu werden und Politik wird nur als Machtkampf, als ein falscher Machtkampf ausgeführt mit den falschen Mittelnd definiert. Die eigene Macht ist anscheinend wichtiger als der Zustand des eigenen Landes. Leute werden durch Manipulation und nicht durch Ideen, Werte und Taten überzeugt. Kein Wunder, dass die jamaikanische Jugend die Zukunft nicht in der Politik sieht...
Und liegt der der Grund für die Ignoranz von Homosexualität und Umwelt bei dem Mehrheitssystem? Der Wille von einflussreiche Institutionen (Kirche und wichtige wirtschaftliche &hellip scheint essentieller als der Schutz wehrloser Gruppen (Homosexuelle und die Natur) bei Entscheidungen...

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, durfte ich die Brüderle-Affäre auf Jamaikanisch hautnah (im wahrsten Sinne des Wortes) miterleben. Obwohl wir sichtbar anderer Meinung waren, schien der Politiker Gefallen an mir zu finden und küsste mich am Ende zum Abschied auf die Wange. Das war es zwar schon und es standen vermutlich auch keine anderen Absichten dahinter, aber trotzdem steht das abseits aller Normen. Ein direkter Kuss auf die Wange ist sicher kein Teil der jamaikanischen Kultur – im Gegenteil: Bei solchen Sachen ist man eher reserviert. Und ich glaube, das muss ich gar nicht weiter ausführen, dass so etwas nicht in Ordnung ist, versteht sich eigentlich von selbst.



Mittlerweile bin ich bei der Arbeit ganz alleine für das Programm „History in a Moment“ zuständig und darf also aus knapp zweihundert Ereignissen, die am jeweiligen Datum in den vergangenen Jahren geschehen sind, sechs auswählen und ggf. erläutern. Das macht mir theoretisch wirklich Spaß, aber dadurch, dass ich in einer Seventh-Day-Adventist-Institution arbeite, bin ich bei der Auswahl nicht wirklich frei und das stört mich gewaltig. Es gibt viele Tabus, die zu beachten sind. So darf man beispielsweise keine Getränke, die Koffein enthalten, keine Filme, kein Weihnachten und keine Gewalt erwähnen. Ersteres kam erst einmal vor und konnte recht gut mit „Heißgetränk“ umgangen werden, zweiteres verhinderte die Erwähnung der Ersterscheinung und Entstehungsgeschichte des Buches (!) „Alice im Wunderland“, drittes verhinderte die Erwähnung der Ersterscheinung und Entstehungsgeschichte des Liedes „Rudolph, the red-nosed reindeer“. Damit kann man klar kommen, obwohl es immer schwieriger wird, etwas halbwegs Interessantes zu finden. Das letzte Tabu allerdings ist das Gewichtigste. Die wichtigsten Ereignisse bzw. die Ereignisse, die man nicht vergessen sollte, damit sie nicht wieder passieren, haben nun mal oft was mit Gewalt zu tun und bei „unserer Geschichte“ im Radio werden sie einfach ausgelassen – der negative Teil der Geschichte einfach gelöscht. Ich akzeptiere ja, dass sie kein Koffein zu sich nehmen, kein Weihnachten feiern, etc. Aber man kann sich doch nicht vor den Tatsachen verstecken und die der Realität einfach wegnehmen? Man kann sich vor allem nicht vor historischen Ereignissen verstecken, die passiert sind, die etwas mit Gewalt zu tun hatten und die nicht vergessen werden dürfen. Meiner Meinung nach hat diese religiöse Zensur, die ständig präsent ist, jedenfalls rein gar nichts mit Pressefreiheit zu tun.



Am Wochenende ging es dann zum zweiten Mal nach Treasure Beach, was diesmal für mich eher die Krankenstation als ein Abenteuer war. Es gibt allerdings keinen besseren Ort, eine Erkältung auszukurieren, als eine Hängematte im Schatten mit Blick auf den Strand, dem Meeresrauschen im Hintergrund und einem frisch gepressten Saft in der Hand. Nachdem ich Freitagabend wegen meines Zustandes leider nicht auf das Reggae-Konzert gehen konnte, die meisten Samstag schon wieder abreisten und nur eine kleine Gruppe zurückblieb, fühlte es sich auch zum ersten Mal wie Urlaub und nicht wie eine Klassenfahrt an...



Ich hoffe, meine Gesundheit gibt sich so bald wie möglich einen Ruck, damit ich mich wieder in die jamaikanische Welt stürzen und darüber schreiben kann..

Fröhlichen ersten Advent übrigens, die ersten Weihnachtslieder werden auch hier schon gespielt...



2.12.13 21:36


Essen, Touristen und Rastafaris in Jamaika

 

Jamaikanisches Essen. Da man sich schwer etwas darunter vorstellen kann, erzähl ich mal etwas darüber. Spezialitäten sind auf alle Fälle die Dumplings, was ja auf Deutsch Kloß heißt, aber was auf jamaikanische Art interpretiert wird. So wie ich meine Gastmutter verstanden habe, werden dazu weder Kartoffeln oder Brötchen verwendet, sondern einfach nur Wasser, Mehl und ein spezielles Pulver. Es gibt die Gekochten, welche relativ weich sind, und die Gebratenen, welche ein bisschen nach Stockbrot schmecken und meist zum Frühstück serviert werden. Die Nationalfrucht ist Ackee, die nach Ei ausschaut und auch einen ähnlichen Geschmack hat. Das wird eigentlich fast immer in Kombination mit Saltfish serviert. Süße Kartoffeln sind außerdem üblich, sowie neben Kochbananen richtig lange, bräunliche Früchte, die wie Bananen aussehen, aber nicht so bezeichnet werden dürfen. Letztere kann man nur gebraten essen und schmecken dann ziemlich süß. Ansonsten gibt es noch verschiedene exotische Gemüsearten, aber das auszuführen würde jetzt zu langwierig werden. Generell ist bei fast jedem Gericht eigentlich Reis mit meistens Bohnen dabei. Es ist auf alle Fälle faszinierend, wie viele Spezialitäten so eine kleine Insel über die Jahre hinweg entwickelt hat... Trotzdem speist man aber deutlich westlich orientierter als zum Beispiel in Indien. So gibt es fast immer einmal die Woche Spagetti mit Tomatensoße und zum Frühstück typische American Pancakes. Als „Lunch“ bekomme ich immer ein Erdnussbutter-Sandwich mit. Auch wenn ich als Vegetarierin vor dem fettigen Fleisch verschont bleibe, ist doch fast alles sehr fetthaltig und ich bin froh, dass in meiner Gastfamilie keine Waage griffbereit ist.



Auf der Arbeit schlug ich mich zwei Tage mit einer Präsentation über Deutschland für das Radio herum, was sich als schwierig herausstellte, weil es sozusagen Lust auf Deutschland machen sollte und mir dafür wirklich der nötige Patriotismus fehlt. Die Demotivation war groß, denn ich fühle mich einfach nicht deutsch, sondern international. Eine viel größere emotionale Verbindung habe ich zu Belgien, Indien oder den Niederlanden.. Irgendwie versuchte ich dann internationale Aspekte hinein zu bringen und mich wie in der Arbeit, die ich in Indien geschrieben habe, mit Vorurteilen zu beschäftigen und diese dann auszuwerten. Also fragte ich einige Kollegen nach ihrem ersten Gedanken zu Deutschland. Das war recht interessant, da zum einen viele wirklich überhaupt keine Ahnung hatten, was verwunderlich ist, gab es doch so viele deutsche Praktikanten in der Vergangenheit, und da zum anderen viele sich nicht trauten, Assoziationen bezüglich der NS-Zeit zu nennen. Das habe ich aber irgendwie aus ihnen herausbekommen, gleich verwendet und in meiner Präsentation gesagt, dass es gut und normal ist, dass man sofort daran denken muss, weil es nicht vergessen werden darf, so dass es nicht wieder geschieht. Alle waren erst einmal etwas geschockt, als ich den Holocaust gleich im ersten Satz nannte, aber waren dann letztendlich auch der Meinung, dass so etwas angesprochen werden muss. Ich frage mich, ist Geschichte, also negative Geschichte, generell ein Tabu in Jamaika? Noch nie habe ich bemerkt, dass sich jemand mit dem Fakt beschäftigt, dass viele von ehemaligen Sklaven abstammen und sozusagen eine zweite, unbekannte Heimat in Afrika haben. Natürlich kann ich das nicht wirklich nachvollziehen, aber hätte ich so eine Familiengeschichte, würde es mich brennend interessieren und ich würde versuchen, so viel wie möglich darüber hinauszufinden. Man darf die Geschichte nie vergessen, aber vielleicht wären die Jamaikaner ihrer Meinung nach nur wieder bei eigenem Herunterstufen angekommen, wenn sie sich mit ihren Sklavenvorfahren beschäftigen würden. Das Traurige ist, dass ich bis jetzt auch noch keine Bücher über jenes Thema gefunden habe, ich würde so gerne mich damit vertiefter auseinandersetzen...



Am Wochenende ging der nächste Ausflug nach Negril, ein weitverbreitetes Ziel unter den „0815-Jamaikatouristen“. Der Weg in unserem Privatbus (bei 25 Leuten kann man sich so etwas leisten) stellte sich zwar als unbequem wegen der Verhältnisse auf den Straßen aber auch als sehr schön aufgrund der Landschaft – entweder direkt neben dem tiefblauen Meer oder neben an Afrika erinnernde Kulissen – heraus. Schon im Voraus bei der Hotelauswahl machte sich die Beliebtheit bei betuchten Touristen bemerkbar: Es war fast unmöglich, ein für uns junge Menschen bezahlbares Hotel zu finden. Da die Stammunterkunft der Freiwilligen diesmal voll war, mussten wir uns nach Alternativen umschauen und landeten dann in einer etwas teureren, die zwar einen Swimmingpool, aber auch eine große Distanz zu den Stränden hatte.

Als wir Freitag ankamen und alle den ersten Hunger verspürten, wurden wir auf ein Restaurant in der Nähe aufmerksam, das mit einem Schild ein Reggae-Konzert an jenem Abend ankündigte. Da Essen und Live-Musik vor allem in Jamaika (aber eigentlich auch sonst überall) eine wunderbare Kombination sind, entschieden wir uns dafür, dort zu bleiben. Nachdem die zugegebenermaßen echt leckeren Pizzen nach 1 ½ Stunden kamen, waren die Musiker aber immer noch nicht sichtbar. Auf Nachfrage wurde unsere Vermutung beschäftigt: „Doch nicht!“. Manchmal scheint es mir, als würde es Menschen geben, denen es Spaß macht, Leute anzulocken, Geld zu verdienen und sie dann alle zu enttäuschen. Vermutlich war es einfach eine gute Strategie, um Touristen zum Bleiben zu bewegen, aber das lockere Gerede mancher Jamaikaner produziert oft falsche Hoffnungen. Versprechungen werden mal nebenbei gemacht und am Ende sind die enttäuscht, die für die Versprechungen gezahlt haben, und die triumphierend, die an den Versprechungen verdient haben. So war es auch das letzte Wochenende, als wir von einigen Bewohnern ein großes Feuer mit blauer Flamme versprochen bekamen – natürlich gegen etwas Geld. Und obwohl man sich der Gefahr bewusst ist, obwohl man irgendwo in sich ein gewisses Misstrauen gegen Angebote solcher Art entwickelt hat, fällt man einfach viel zu oft auf den jamaikanischen Charme herein...
Trotzdem ließen wir uns den Abend nicht verderben und amüsierten uns gut.

Samstag durften wir dann Bekanntschaft mit dem sieben Meilen langen Strand Negrils machen. Dieser ist in verschiedene Bereiche eingeteilt, jeder Bereich hat ein/e Restaurant/Bar/Café sowie selbstverständlich einen Souvenirladen. Schon da wird klar, dass hier alles auf kaufwillige Touristen abgestimmt ist.
Das Lokal unseres Strandes hatte ein Spiel der ganz besonderen Art auf Lager: Unter dem Aufruf „Free Drinks“ wurde jeder, der wollte, mit Shots aus zwei Flaschen jamaikanischem Alkohol versorgt, um danach aufgefordert zu werden, sich doch gut um den Barkeeper zu kümmern, es wurde etwas Mitleid geschürt und auf die Trinkgeldkiste verwiesen. Unter Freigetränken verstehe ich etwas anderes..

Auch bei einem Strandspaziergang wird klar, hier kommen die typischen Jamaika-Touristen her. So wie ich damals in Indien die verschiedenen Touristenarten abgegrenzt habe, werde ich das hier auch machen.
Eigentlich ist es sehr einfach: Zum einen gibt es die Flitterwochen-Paare, die nach der Hochzeit noch Geld für einen entspannenden Urlaub im Karabikparadies übrig hatten, und zum anderen noch die etwas älteren Paare (50-70 Jahre), die lange genug gearbeitet haben (oder von Natur aus reich sind), um sich einen entspannten Urlaub zu leisten. Beide Kategorien suchen eher nach Entspannung, bevorzugen gemütliche Strände und interessieren sich zwar vielleicht für die Kultur, aber streben nicht energisch danach, sie kennenzulernen. Individualtouristen gibt es jedenfalls kaum, was auch ein Grund ist, warum es keine Hostels oder Jugendherbergen, die für solche bezahlbar sind, gibt. Also riesige Unterschiede zu Indiens Touristen!

Anschließend gingen wir in Rick's Café, eines der berühmtesten Cafés der Welt, das wirklich sehr schön gelegen ist und zu lebensgefährlichen Sprüngen von 11 Meter hohen einlädt. Auch wenn der Sonnenuntergang wegen zu vieler Wolken nicht so schön war wie erhofft, sahen wir dafür relativ nah einige Delfine im Meer...

Das absolute Highlight war für mich aber das ungeplante Abendessen am Samstag – als wir eigentlich nur zum Supermarkt laufen wollten, erzählte mir ein Freund von einem vegetarischen Restaurant, das er vorher an der Straße gesehen hatte. Spontan gingen wir hin und ich erkannte schnell, dass Restaurant nicht der treffende Begriff war: Ein kleiner Stand mit vier Sitzen davor war alles. Doch das war genug, mehr als genug. Rastar, der Besitzer, kochte in den fünf Töpfen vor unseren Augen und erzählte uns über das Essen der Rastafaris, was ja komplett vegan ist. Was dann kam, wurde mein bestes jamaikanisches Essen bisher, was viel heißt, da das in meiner Gastfamilie schon echt gut ist... Eine Kürbis-Bohnensuppe als Vorspeise und eine große Portion an Reis, Ackee, Veggie-Chows (bei der Schreibweise bin ich mir unsicher), etwas Spinatartiges, Kürbis und Kartoffeln mit viel Curry. Es war nicht nur wieder endlich scharf, sondern unheimlich lecker. Rastar, der Rastafari, wusste genau Bescheid, was im Essen drin war, verriet uns seine Tipps und woher das Essen herkam – alles selber angebaut, also komplett biologisch. Er war sympathisch, ohne dass er uns mehr und mehr verkaufen wollte – im Gegenteil: Er gab uns sogar Rabatt aufgrund der Tatsache, dass wir Freiwillige sind, nach seinen Worten aus Respekt vor dem, was wir für sein Land tun. Das ganze Erlebnis war von purer Authentizität geprägt und hinterließ auch bei meinen beiden Freunden, die normalerweise nicht allzu oft vegetarisch speisen, einen bleibenden Eindruck, so dass wir am nächsten Tag mit Verstärkung wiederkamen und ein weiteres fantastisches Mahl zum Mittagessen genossen.

Unser privater Busfahrer kam zehn jamaikanische Minute und 1 ½ europäische Stunden zu spät, was nicht für große Überraschung aber für umso größere Müdigkeit sorgte. Es ist aber bemerkenswert, wie schnell man sich die jamaikanische „Zeitrechnung“ angewöhnt: Unter uns Freiwilligen werden auch immer häufiger jamaikanische Zeitangaben gemacht, damit kann man einfach nie falsch liegen.



Im nächsten Eintrag: Ein Stück Indien in Jamaika und mein Treffen mit einem wichtigen Politiker der Jamaica Labour Party.



27.11.13 14:42


Schatzstrand, Produktionsassistentin, Kingston und Religion in Jamaika

 

Am zweiten Arbeitstag hatte mein Chef immer noch kein Interesse an einem Gespräch mit mir, so dass ich selbstständig etwas herumging und mir zeigen ließ, wie man eine Hochzeitssendung bearbeitet/schneidet. Außerdem durfte ich den Produzenten einer Radiosendung über die Schulter schauen und etwas über den Umgang mit Nachrichten (möglichst spektakulär, möglichst keine Politik), Musik (fast alles sehr religiös angehaucht) und Religion (Bibelfakten werden aufgedeckt und Geschichten dazu erzählt) gelernt.
Nach einem Gespräch über Smartphones mit meinen Kollegen wurde ich von einem als Künstlerin bezeichnet, da nur Künstler eine solche Wahrnehmung hätten. Egal zu welchem Punkt es stimmt, es hätte auf alle Fälle keine bessere Motivation geben können. Für die nächste Woche erhoffe ich mir auf alle Fälle, mit den Menschen der Radioproduktion näher zusammenarbeiten zu können, viel schreiben und denken zu dürfen.

Nach meiner Fahrt von der Arbeit zum Zentrum hatte der Taxifahrer kein Wechselgeld und statt mehr von mir zu verlangen (wie es die indischen Rikschafahrer gerne handhaben), schenkte er mir die 20 J $, was nicht unbedingt viel ist, aber die Tat dahinter ist beeindruckend.
Die Großzügigkeit der Jamaikaner ist generell sehr überraschend, wobei manchmal (z.B. bei meinen Gastschwestern) dann auch doppelte Großzügigkeit seitens der Westler im Gegenzug erwartet wird...

Am Freitag fand der allmonatliche Dirty Day statt, an dem alle Volunteers bzw. Praktikanten mehr oder weniger freiwillig gemeinnützige Arbeit verrichten. Diesmal führte uns der gute Wille in ein Altersheim. Altersheime sind ja einfach generell traurig, da dort die Mehrheit auf den Tod wartet und da die Mehrheit unfreiwillig dort ist, etc. Doch das jamaikanische Altenheim war wirklich ein Inbegriff der Traurigkeit und der Horrorvorstellung vor dem Alter – 50 Leute Bett an Bett in einem Raum. Kein Stück Privatsphäre und jedem wird durch diese „Zimmereinteilung“ auch deutlich gemacht, dass er nur einer von vielen ist, nichts besonderes ist. Wenn es kleinere Zimmer geben würden, würde das Personal zu jedem Zimmer einzeln kommen und zwar um sich um die Bewohner dessen zu kümmern, nur um diese Bewohner. Das vermittelt einem wenigstens noch ein kleines Gefühl von Besonderheit. So kommt das Personal in den großen Raum, um alle Bewohner ohne Unterscheidung zu versorgen. Es ist mir klar, dass die Leiter des Heims sich sicher dessen bewusst sind und es gerne anders machen würden, wenn Geld da wäre. Erschreckend ist es trotzdem. Einige Freiwillige wuschen dann Haare, kochten das Mittagsessen, arbeiten im Garten oder kümmerten sich um die Wäsche. Wie gemein es auch klingen mag – glücklicherweise wurden die ganzen Medizinpraktikanten zum Haare waschen eingeteilt und ich kam als Gärtnerin und Wäscherin davon. Wirklich viel hatten wir aber nicht zu tun und wirklich nützlich haben wir uns auch nicht gefühlt, das meiste haben in der Tat die geleistet, die mit den Menschen direkt interagiert haben.

Da Mandeville trotz einiger schönen Plätze ein bisschen ein verschlafener Ort ist, gehen alle Freiwilligen am Wochenende immer in den „Kurzurlaub“. Diesmal fiel die Wahl auf den nahegelegenen „Schatzstrand“ - den Treasure Beach. Mit schwarzem Sandstrand, türkisem Meer und grünen Palmen eroberte dieser schnell mein Herz. Zudem hausten wir in einem Cottage, wo selber gekocht wurde. Beide Nächte wurden am Strand verbracht und mit jamaikanischem Rum und einem großen Feuer (Lagerfeuer ist da nicht mehr der adäquate Begriff) versüßt. Das Feuer wurde von Bewohnern organisiert, die dann im Nachhinein auch umgerechnet 25 Euro verlangten, was nicht allzu tragisch war, da wir vierzehn Menschen waren und es aufteilen konnten, aber da sieht man mal wieder: Immer muss irgendwo Profit herkommen.

Am nächsten Tag fuhren wir per Boot in eine überregional bekannte Bar, deren Besonderheit darin bestand, dass sie mitten im Meer aus Holz erbaut wurde und links, rechts, vorne, hinten nur Meer zu sehen ist. Die Jamaikaner spielten lautstark (und bekifft) Domino, wir genossen die Aussicht und ließen all unsere Sorgen an Land. Wenn du dann in dieser traumhaften Kulisse noch einen singenden Jamaikaner mit typischer Mütze und einem Joint in der Hand vor dir steht, dann steht das Klischee gerade direkt vor einem. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, weil ich immer darauf plädiert habe, dass ich ja genau das Jamaika fern von Klischees erleben möchte, manchmal trifft man die Klischees einfach höchst persönlich und muss zugeben, manches ist wahr!

Nachdem ich das realisiert hatte, war ich reif für die Bootsfahrt zurück, die sich als genauso herausstellte, wie ich sie mir gewünscht hatte: abenteuerlich mit vielen Wellen und rasanten Manövern des Kapitäns..

Am Sonntag durfte ich dann in den Genuss von dem frischsten und fruchtigsten Mangosaft meines Lebens kommen – natürlich direkt am Strand. Bei diesen paradiesischen Zuständen blieben wir aber nicht ungestört. Ein etwas älterer, leicht verstört blickender Mann kam und erzählte uns von einem gängigen Sprichwort in Jamaika: If you are white, you are allright. If you are brown, you get around. If you are black, you stay back. Das hat uns alle erst einmal etwas erschrocken und radikal aus dem Paradies gerissen. Wenn dieses Sprichwort wirklich so gängig ist, wie das der Mann uns berichtete, ist das erschreckend. Neben dem Nationalstolz, dem Betonen der eigenen Identität gibt es also immer noch eigenes Herunterstufen? Diese Begegnung erinnerte mich an eine andere, die nähe meines Arbeitsplatzes bei einer Pause statt fand. Ein alter, auch extrem verwirrt wirkender Mann kam auf einen Freund und mich zu und stammelte „I am black, I am not human“. Wir beteuerten natürlich, dass er genauso ein Mensch wie wir auch sei und dass er stolz auf das sein sollte, was er ist, aber er ließ sich nicht von diesem (durch Drogen hervorgebrachten?) Gedanken abbringen. Diese beiden Begegnungen zeigen wie sehr immer noch die jahrhundertelange Versklavung, Diskriminierung und das Herunterstufen durch Kolonialmächte noch in den Köpfen sitzt. Geschichte lebt.

Mit der durch das wunderbare Wochenende gewonnene Motivation startete ich dann in eine neue Arbeitswoche und glücklicherweise darf ich diesbezüglich auch einige Fortschritte melden. Mein neues Team, die Produzenten von einer Nachmittagsshow im Radio teilte mir einige Aufgaben zu. So durfte ich mir etwas für die „How to ...“-Reihe überlegen und meine Idee und halbfertige Ausformulierung wurde dann letztendlich auch im Radio gespielt. Außerdem konnte ich ihnen mit „History in a moment“ helfen, wo sie aus 180 historischen Ereignissen, die an dem jeweiligen Datum geschehen sind, sechs vielfältige und interessante herauspicken müssen. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört, aber macht (mir zumindest) unheimlich viel Spaß.
Außerdem hatte ich außergewöhnlich viele nette Unterhaltungen mit meinen beiden Kollegen, mit denen ich mich wirklich außerordentlich gut verstehe und mit denen ich auch mal hitzig diskutieren kann, sowie mit einem Mann, den ich vorher noch nie gesehen hatte und mit dem ich auf Anhieb über Politik sprechen konnte. So erzählte er mir, dass ähnlich wie in Indien, viele junge Leute in Jamaika die Hoffnung in die Regierung und in die Politik im Allgemeinen aufgrund von Korruption aufgegeben hatten. Er selber studiert momentan Wirtschaft und möchte danach noch ein Jurastudium absolvieren. Sein Berufswunsch ist aber weder Geschäftsmann noch Jurist sondern – oh siehe da – Politiker. Das Interessante ist auch, dass er eine Art politischen Club der Universität leitet und mich dazu eingeladen hat. Jeden Dienstag findet eine Versammlung statt und ich hoffe sehr, dass ich ihn vor nächstem Dienstag nochmal antreffe, so dass ich daran teilnehmen kann. Die Einladung für letzten Dienstag (also der 20.11.) musste ich nämlich leider ablehnen, da ich zu meinem ersten Outside Broadcast mitgenommen wurde. Ein schöner Ersatz und es war auch schön zu sehen, wie sehr sich meine beiden Kollegen dafür eingesetzt haben, dass ich mitkommen durfte. Das Sahnehäubchen war, dass es nach Kingston ging – die vibrierende Hauptstadt Jamaikas. Endlich wieder richtig viel Leben auf den Straßen, als ich das erblickte, musste ich sehnsüchtig an Delhi denken. Überhaupt wird mir erst hier klar, wie sehr ich eigentlich Delhi und Indien vermisse. Aber nicht auf so eine schlechte Weise, dass ich Jamaika und das Hier und Jetzt nicht genießen könnte und traurig wäre, sondern auf eine Art, dass ich unheimlich gerne an die Zeit und mein Leben dort zurück denke, dass ich liebend gerne in ein indisches Restaurant gehen würde und dass ich mich auf das nächste Mal Indien, wann auch immer das sein mag, freue. Genug zu Indien, zurück zu Kingston. Neben dem zu erwartenden Trubel hat mich eine Tatsache sehr überrascht: Ein Stück Belgien ist dort sehr präsent... Schon als ich den ersten Bus erblickte, kam er mir sehr vertraut war und beim genaueren Hinschauen sah ich die belgische Flagge und ein Made in Belgium. Wer hätte gedacht, dass in Jamaikas Hauptstadt die gleichen Busse wie in Belgien herumfahren? Manchmal ist Globalisierung einfach überraschend. Und wäre das nicht schon mysteriös genug, der Busbahnhof ähnelt dem Bahnhof in Liège von Form und Struktur sehr stark. Alle, die den Bahnhof in Liège kennen, wissen, dass er eigentlich ziemlich einzigartig aussieht. Natürlich ist die Architektur in Kingston nicht so detailreich, nicht so fein und es ist nicht komplett das selbe, aber die Ähnlichkeit ist verblüffend und als ich inmitten dieses Busbahnhofs stand, fühlte ich mich wie in mein belgisches Leben versetzt. Genug zu Belgien (zu viele Länder in meinem Herzen), zurück zu Kingston und meiner Arbeit dort. Mein Kollege verlieh mir kurzerhand den Titel „Produktionsassistentin“, in der Praxis umgesetzt hieß das, dass ich Interviewpartner suchen und dafür sorgen musste, dass sie pünktlich zur Befragung erscheinen, sowie in Kenntnis bringen, worüber sie reden möchten, wer sie sind und wo man folglich den Fokus des Interviews setzen könnte. Jamaika wäre nicht Jamaika, wenn alles nach dem strukturierten Interviewplan verlaufen wäre. Mit großer Verspätung, Verschiebung und dem Ersetzen von nicht erschienenen Personen durch nicht aufgelistete, aber interessante Personen verlief dann innerhalb von über drei Stunden alles relativ gut. Das ganze Event fand im Nelson Mandela Park statt und wurde zum Anlass des World Day from prevention of child abuse veranstaltet. Die Interviews und das Thema waren wirklich interessant, vor allem weil es ja prinzipiell auch um Entwicklungshilfe ging. Entwicklung eines Landes durch Kinder. Kinder sind die Zukunft des Landes. In dem Sinne müssen sie natürlich doppelt beschützt und umsorgt werden. Am Abend fand dann das richtige Event statt, bei dem viele Reden (alles schon bei unseren Interviews gehört) geschwungen wurde, einige eher langweilige Aufführungen präsentiert wurden, aber bei dem auch einige spektakuläre Auftritte ihren Platz hatten. So tanzten taube Kinder und ein Chor aus blinden Kindern sang. Bei letzterem stach vor allem ein kleiner, unscheinbarer Junge heraus, der mit einer unglaublichen Stimme Jubelschrei und Tränen vor Rührung im Publikum auslöste. Die Jubelschreie blieben auf gleichem Niveau, als fünf berühmte Gospelstars ihre Auftritte hatten, die Leute sprangen aus den Sitzen, tanzten und sangen aus vollem Halse mit – so wie man sich das vorstellt.
Natürlich waren die Liedtexte alle hundertprozentig religiös geprägt, obwohl „geprägt“ noch zu wenig ist, man müsste eher sagen, dass die Texte Religion als ihren Ursprung hatten. Daran sieht man sehr gut die komplett andere Handhabung von Religion in Jamaika.

Zum einen ist das dieser starke Enthusiasmus, den schon Kinder in sich haben (meine fünfjährige Gastschwester sagte letztens zu mir „Jesus loves you&ldquo, der die Leute aus den Sitzen reißt und der Menschen bei der Arbeit vereint und motiviert (zwei religiöse Lieder am Morgen gehören zum Arbeitsalltag an meinem Arbeitsplatz). Der Enthusiasmus ist mit starker Euphorie verbunden, Euphorie über Gottes/Jesus' Liebe und Euphorie über die Allmächtigkeit Gottes, welche schnell zur blinden Euphorie werden kann, die beispielsweise keine anderen Religionen mehr neben sich duldet. Jeden Morgen werden bei meiner Arbeit auch religiöse Themen behandelt und eines Tages wurde dort eben „festgestellt“, dass alle Religionen, die die Einzigartigkeit, die den einen Gott leugnen, von Satan abstammen und folglich „böse“ in den Augen der Vertreter dieser Theorie sind. Diese Diskussionen und Erörterungen religiöser Fragen zeigt aber auch einen anderen Aspekt der Religion in Jamaika: Intellektualität. Die Worte bedacht gewählt entstehen niveauvolle Gespräche, auch wenn sie meiner Meinung nach trotz der offensichtlichen Intelligenz aller Beteiligten von der „Liebe Gottes“ geblendet werden.
Bei einem Thema wird Jamaika auf alle Fälle geblendet und hört mehr auf Gott als auf den gesunden Menschenverstand: Bei Homosexualität. Es ist nicht nur ein Tabuthema, sondern auch illegal und wird strafrechtlich verfolgt. Als ich mit meinem liberalen, aufgeschlossenen und aufgeklärten Kollegen die historischen Ereignisse durchging und wir auf eines, das mit der Akzeptanz von Homosexualität zusammenhing, stießen, sagte er: „Wenn Gott Nein dazu sagt, dann ist es falsch.“


So viel dazu. In der Zwischenzeit begebe ich mich weiter auf die Entdeckungsreise durch die jamaikanische Kultur. Selbstverständlich im Alltag und am Wochenende geht es dann in dem berühmten Touristenort Negril weiter.

21.11.13 14:33


Erste Eindrücke aus den ersten Tagen in Jamaika

 

Meine Reise nach Jamaika begann mit der Reise nach München durch einen scheinbar unüberwindbaren Stau. Meine indische Geduld wurde auf das Äußerste strapaziert und ich entschied, mir auch noch Attribute der jamaikanischen Gelassenheit anzugewöhnen. Abgesehen von dem Stau (verursacht durch einen Unfall mit acht Fahrzeugen) hab ich alles richtig gemacht mit dem Abflugtermin: Am Gate es Flughafens wurde der erste Langstreckenflug über Kuba nach Jamaika von München aus gefeiert. Ein reichhaltiges Buffet voller karibischer Köstlichkeiten sorgte auf alle Fälle für gute Laune. An Bord sank die Qualität des Essens gewaltig und bot mir das ein oder andere Ärgernis. Auf meine Frage, ob das Mittagsessen vegetarisch sei, erwiderte die freundliche Stewardess: „Das schon, aber ist nicht selbstverständlich. Wenn Sie sowas wollen, müssen sie eine Sonderbestellung aufgeben,“ Wie bitte, seit wann denn das? Seit wann wird den Fluggästen ohne Respekt vor Präferenzen einfach irgendwas vorgesetzt? Es gibt schließlich nicht nur die „moralischen Vegetarier“, sondern auch die religiösen Vegetarier oder die, die auf manches Fleisch verzichten (Hinduismus, Buddhismus, Islam). Diese Vorgehensweise ist also eine Diskriminierung auf allen Ebenen. Es gibt keine Menschen, die sich ausschließlich von Fleisch ernähren. Die Basis ist vegetarisch und der Zusatz ist Fleisch/Fisch. Sollten nicht die, die den Konsum von Tieren während des Fluges ausdrücklich wünschen, eine Sonderbestellung aufgeben müssen? Somit würden alle Überzeugungen, politische Einstellungen und Glaubensrichtungen respektiert werden. Und ich dachte immer, Deutschland würde auf professioneller Ebene immer fortschrittlicher auf den Anstieg des Vegetarismus reagieren und das Angebot darauf abstimmen. Nach diesem Erlebnis (das Abendessen war dann auch tatsächlich „vegetarierfeindlich&ldquo kann es also nicht schnell genug nach Jamaika gehen. Ein Land, das trotz großem Repertoire an Seegetier als vegetarierfreundlich gilt. Zu Verdanken haben wir das der Rastafari-Religion. Innerhalb dieses Glaubenskreises werden keine Tierprodukte (vegan!) gegessen, nicht geraucht und keine Drogen konsumiert (Gras zählt zu keiner der beiden letzteren Kategorien) sowie kein Alkohol getrunken. Die Rastafaris, die Jamaikas Bild aus westlichem Auge maßgeblich beeinflussen, werde ich nun auf alle Fälle genauer anschauen und mich besser über Hintergründe für beispielsweise Verzichte dieser Art informieren.

Ach ja, ganz klischeehafte trug der erste Jamaikaner, den ich bewusst wahrnahm, eine typisch grün-rot-gelbe Mütze. Das hat mein Interesse sofort geweckt, ich bin gespannt auf Jamaikas Menschen und kann es nicht erwarten mir ein eigenes Bild fernab von Klischees zu machen...

Meine Organisation stellte ein ausführliches Handbuch über Besonderheiten, Werte, Kultur und Menschen in Jamaika zur Verfügung. An sich sehr interessant und nützlich, nur zwei Aussagen haben mich extrem gestört:
- Benutze keine rassistischen Bezeichnungen für Jamaikaner, nenne sie beispielsweise nicht Blackie
- Die Jamaikaner werden dich Whitie nennen, das ist keine Beleidigung, sondern ein freundlicher Weg, deine Aufmerksamkeit zu erlangen

Versteht mich nicht falsch, niemals würde ich Jamaikaner „Blackie“ nennen, aber es gibt immer zwei Sichten. Und beide dieser Aussagen spiegeln nur die jamaikanische Sicht wider. Es gibt auch weißen Rassismus. Aus historischem und gegenwärtigem Blickwinkel natürlich nicht den Bruchteil so dramatisch und problematisch wie das Gegenstück, aber es geht um's Prinzip:
Wenn die eine Gruppe nicht auf die Hautfarbe reduziert werden will, sollte sie auch nicht so mit der anderen Gruppe verfahren. Aber gut, ich werde sicher noch viel über die Handhabung von Rassismus erfahren.

Am Flughafen wurde ich dann vom charmanten Fahrer begrüßt, er mir gleich einen extrem positiven ersten Eindruck verschaffte. Lockere, nette Unterhaltungen geprägt von viel Humor und juhu, Jamaikaner verstehen Ironie und Sarkasmus, man muss nicht wie in Indien explizit darauf hinweisen, wenn man sich einer der beiden Formen bedient.

Nach zwei Stunden Autofahrt (rasant und risikoreich, aber im Vergleich zu Indien noch sehr „soft&ldquo begrüßte ich meine Gastmutter und -schwestern (4, 7 und 10 Jahre sowie eine andere deutsche Freiwillige) und durfte dann nach wenig Schlaf endlich in mein komfortables Bett (die Matratze ist ca. dreimal so dick wie die in Indien) fallen.
Mit einem Pfannkuchen zum Frühstück und meinem ersten Blick aus dem Badezimmer auf Jamaika bei Tag (alles so grün wie man es sich vorstellt) startete ich dann in den Orientation Day und wurde von den Mitarbeitern der Organisation in die Stadt (sehr klein, aber ich werde mich trotzdem verlaufen) und einige Grundlagen des Aufenthalts und der Arbeit eingeweiht. Zudem durfte ich meiner zukünftigen Arbeitsstelle einen ersten Besuch abstatten – die Media Group einer der größten Universitäten Jamaikas. Dort wird geschrieben, Radio und Fernsehen produziert. Viel habe ich leider nicht erfahren, da mein Chef nicht auffindbar war.
Danach wurde ich von meiner Koordinatorin zum Mittagsessen in ein chinesischen Restaurant eingeladen (die jamaikanischen Gegenstücke sind anscheinend nämlich nicht so vegetarierfreundlich wie gedacht). Tofu mit Reis und Gemüse war aber ein sehr sättigendes Mahl, so dass wir den Rest, der nicht mehr in uns hineinpasste, mitnahmen und es dem nächsten Bettler gaben. Ja, die Jamaikaner sind, was meinen ersten Eindruck betrifft, richtig mitfühlend und loyal denen gegenüber, die es nicht so gut haben wie sie. Für jeden Bettler hatte meine Koordinatorin ein paar Münzen übrig und selbst meine 10-jährige Gastschwester erzählte mir später von dem Drang, Bettlern immer wenigstens ein bisschen zu geben. Beeindruckend – die Menschen hier scheinen wirklich sozial, sie scheinen nicht die Augen zu verschließen und an die Gesellschaft im Ganzen zu denken.

Im Büro der Organisation nahm ich dann an der Culture and Patois class teil, in der wir uns der lokalen Sprache annähern sollten. Auch wenn das Konzept etwas unüberschaubar war und einige Übungen mir leicht lächerlich vorkamen, war es relativ interessant diese sonderbare Sprache etwas näher kennenzulernen. Eine Mischung aus gekürztem Englisch und afrikanischen Wörtern, die allerdings nur kolloquial benutzt wird. Danach durfte ich das erste Mal in den Genuss einer kalten Dusche kommen und anschließend in aller Frische in die Stammbar der Freiwilligen gehen. Das auf einem Hügel gelegene „großartige Haus“ bot eine schöne Sicht auf das nächtliche Mandeville und die vielen Freiwilligen aller Nationen boten für viel Gesprächsstoff. Nachdem ich schon viel mehr als vermutet an meinem ersten Tag unternommen hatte, viel gesehen hatte und mein Jetlag langsam zu spüren war, konnte ich trotz nachtaktiver Kuh gut und tief schlafen...





Mein erster richtiger Arbeitstag war sehr unspektakulär, da mein Chef beschäftigt war und mich immer noch nicht einweisen konnte, so dass ich mit zwei anderen Freiwilligen einen aufgenommen Text schneiden durfte. Auch wenn ich schon wusste, wie das ging, war das Verfahren auf professioneller Ebene die ersten zehn Minuten recht interessant. Das Problem war nur, dass es sich um eine Art Hörbuch handelte, um eine alte Frau, die mit einschläfernden Stimme aus ihrem Buch vorliest und Verse aus der Bibel zitiert. Das klingt dann so: „Thank you God for my ears, I can hear. Thank you God for my eyes, I can see. Thank you God for my brain, I can think.“ Letzteres musste ich allerdings durch die Sinnlosigkeit dieser 20-minütigen Danksagung bezweifeln, wer hört sich denn so etwas freiwillig an? Und die gute Frau bezahlt die Media Group für das Schneiden, also scheint sie durchaus (möglicherweise berechtigte?) Hoffnung zu haben...

Anschließend wurde der wöchentliche Journalismus-Workshop im Büro abgehalten, der anfangs nichts wirklich neues bereit hielt, sondern nur die einfachsten Grundlagen vermittelte, aber später einige interessante Übungen bereithielt. So durften wir, da das Thema „Nachrichten“ war, Märchen zu News Stories umwandeln – ich musste beispielsweise über die Tragödie von „Hänsel und Gretel“ berichten.

Anschließend wurde ich mehr oder weniger mit den anderen Freiwilligen in die Kunst des Reggae-Tanzes eingeweiht. Die sehr anstrengende Stunde, in der ich meine Unfähigkeit beweisen durfte aber trotzdem Spaß hatte, war ein sehr gute Sportersatz und lockerte auch mein Gemüt etwas auf...

Fortsetzung mit dem Dirty Day im Altersheim, dem ersten Wochenendausflug an meinen ersten jamaikanischen Strand und mit dem weiteren Verlauf der Arbeit.

18.11.13 17:53


Erinnerungen, Momente aus Indien und die baldige Heimat JAMAICA

 

Mein letzter offizieller Eintrag zu Indien ist eine kleine Zusammenfassung der Momente, Attribute und Eindrücke, die mir am längsten in Erinnerungen bleiben werden...

- Die erschlagende Hitze, als ich das erste Mal indischen Boden betrat

- Die Badezimmertür in meiner Unterkunft, die ich während der ersten zwei Wochen ohne Hilfe nicht öffnen konnte und die dafür sorgte, dass ich mich trotz schneller Eingewöhnung am Anfang noch nicht 100%ig heimisch fühlte

- Mein erstes indisches Mahl, das mir sofort Tränen in die Augen trieb, worüber ich nun als erfahrene Esserin nur lachen kann...

- Die erste Resignation, als ich die große Anzahl der Freiwilligen in meiner NGO und somit die relative Unbrauchbarkeit meiner Wenigkeit bemerke.

- Die Freude, die ich wegen der Freude eines der Kinder beim Erbauen des 3D Puzzles vom Brandenburger Tor (eins meiner Gastgeschenke) verspürte

- Das erste Mal Verlaufen, das zweite Mal Verlaufen, das dritte Mal Verlaufen usw. UND der Stolz, der in mir aufkam, als ich zum ersten Mal den langen Weg vom Büro zum Waisenhaus (ca. 30 min) bewältigt habe und jedes andere Mal, an dem ich, ohne die Hilfe einer Rikscha in Anspruch zu nehmen, ans Ziel gekommen bin..

- Den Genuss einer andauernd unangenehme, ungewünschte Aufmerksamkeit von Männern, Händlern oder Verkäufer aller Art und Bettlern

- Die Augen der Kinderbettler

- Die Atmosphäre in dem wunderbaren "Indian Coffee House", das hoch in den Lüften lag und das einen die Aufbruchstimmung Indiens fühlen ließ, und die Enttäuschung, es nie wieder danach gefunden zu haben - wegen des unübersichtlichen Connaught Places...

- Die nächtliche Suche nach einem Hotel in Jaipur

- Das erste gute Frühstück (Porridge mit Bananen) inklusive richtig viel guter Kaffee in dem idyllischen Innenhofs unseres Hotels in Udaipur

- Der Spaziergang durch Udaipurs Gassen, die an die Toskana mit indischem Flair erinnerten, und die Bootfahrt auf dem berühmten Picchola-See, die ich mir schon damals in Deutschland mit dem Reiseführer in der Hand vorgestellt hatte

- Die Excel-Tabelle, in der ich über die Präsenz meiner NGO auf 140 (!) Websites Buch führen musste – für den ersten Monat mein täglicher Begleiter im Büro

- Der Rikschafahrer, der mein Geld nicht annehmen wollte

- Die Rikschafahrer, die zu viel Geld annehmen wollten und die ich auf offener Straße ungehemmt anschreien durfte

- Das Gemeinschaftsgefühl, das aufkam, als alle zusammen im Waisenhaus mit der Musikerfamilie gesungen haben

- Die inspirierenden Gespräche über die Politik und Gesellschaft in Indien, über den Westen und über die Welt mit meinen Mitbewohnerinnen bis spät in die Nacht

- Die Momente der Schadenfreude, wenn ich im „gemischten“ Abteil (also fast nur Männer) in der Metro die Männer im bissigen Ton aufforderte von den zwei für Frauen vorgesehenen Sitzen aufzustehen oder mehr Respekt zu haben, sobald es irgendeine Form von Drängelei gab, und wenn ich dann ihren überraschten, fast erschrockenen Gesichtsausdruck wahrnehmen durfte

- Die extrem abgemagerten, an den Füßen angeketteten Pferde, die reihenweise in der Nähe eines berühmten Basars „untergebracht“ waren

- Die selbstgemalte Karte, die ich von einem Mädchen zum Teacher's Day bekam

- Der nette, weißhaarige Mann, der immer vor dem Waisenhaus saß, mich bald erkannte und mich immer freundlich grüßte

- Das Versprechen, die Kinder zu meiner Hochzeit einzuladen

- Das Humayun Mausoleum, das mich mit seiner Architektur von Anfang an in den Bann zog

- Die Frustration über die verpasste Zeit im Krankenhaus

- Die unfreundlichen Krankenschwestern

- Die Fürsorge meines indischen Umfelds, als ich im Krankenhaus lag und mindestens acht Besucher pro Tag hatte

- Die Unterhaltung mit einem aufgeweckten Waisenmädchen, in der sie mir erzählte, dass sie ihre Passion im Schreiben sah, und in der ich sie ermutigte, damit weiter zu machen und nicht dem Traum, Sängerin zu werden, nachzuhängen

- Die Stichelei mit meinen Mitbewohnerinnen, die mich immer nach einem anstrengenden, ermüdenden oder nervigen Tag aufmunterten

- Das belgische Schokoladeneis, das meinen Schokoladenhunger nach 6 Wochen halbwegs stillte

- Der klimatisierte Bus nach Agra, in dem durch eine fünfstündige Unterhaltung eine Freundschaft mit einer meiner Mitbewohnerinnen begann, mit der ich, weil sie im ersten und ich im dritten Stock wohnte, davor nichts wesentliches zu tun hatte

- Das Lied Tum Hi Ho, das mir sowohl die Kinder als auch meine Mitbewohnerinnen beibrachten und für welches ich immer beeindruckende Blicke erntete

- Das erste International Volunteer Meeting, bei dem ich zum ersten Mal meine Gefühle, meine Probleme und meine Resignation über die Arbeit offen legte, bei dem ich mindestens eine halbe Stunde redete und nach dem alles besser wurde, nach dem wir wunderschöne Momente mit den Kindern im Park verbrachten

- Das zweite International Volunteer Meeting, das ich wegen des um drei Stunden verspäteten Zug aus Agra verpasste, und die Gelassenheit, mit der ich der das Ganze meisterte

- Das Bild der Menschen aller Religionen und Nationalitäten, die zusammen im Sikh-Tempel speisten, das für mich in einer Weise die erste Stufe des Weltfriedens darstellte (auch wenn ich dabei wohl zu naiv bin)

- Die Teilnahme am indischen Familienleben inklusive selbst für mich verdammt scharfem Essen und einem kleinen Familienaltar

- Das Fußballspielen im Park bei Monsunregen mit den Kindern und der darauf folgende Heimweg durch die überfluteten Straßen, der den Zusammenhalt unter uns allen extrem stärkte

- Das erste Mal, das ich bewusst wahrnahm, dass meine lernbehinderte Schülerin einen einfachen Text alleine lesen und schreiben konnte, was Meilensteine darstellte und an was ich nie geglaubt habe – bei so viel Frustration am Anfang sind solche sichtbaren Verbesserungen das beste Gefühl überhaupt

- Der erste Sari, den fünf Mitbewohnerinnen mir eine halbe Stunde lang anzogen und der mir wirklich außerordentlich gut gefiel, und der Stolz, mit dem mich meine Mitbewohnerinnen verabschiedeten: „
I feel like your proud mother“

- Der Diebstahl meines Geldbeutels inklusive aller Geldkarten, der mich an den Rande der Verzweiflung trieb, der mich an meiner Fähigkeit als Inderin zu leben zweifeln ließ, der aber dank der Hilfsbereitschaft und Fürsorge meiner Mitbewohnerinnen erträglich wurde

- Die Modenschau im Waisenhaus und der Stolz, den die Kinder für sich selbst nach ihrem Auftritt empfanden, und der Stolz, den ich nach ihrem Auftritt empfand

- Den atemberaubenden Ausblick aus dem Spielzeugzug, den ich vor 8 Monaten auf Phoenix gesehen hatte und ihn schon damals auf meine
To-Do Liste setzte

- Das indische Reggae-Lied Sutta na mila, das ich gemeinsam mit meinen Mitbewohnerinnen an meinem vorletzten Abend in Dauerschleife performte

- Die inspirierende und friedliche Atmosphäre in den Bergen

- Die Traurigkeit beim Abschied von den Kindern und die Tränen, die sie und ich vergossen

- Die tiefe Freundschaft, die mich mit meinen Mitbewohnerinnen verband und immer verbinden wird

- Die Hilfsbereitschaft des Sikh Mannes am Ende, der mir bei unglaublichem Zeitdruck aus dem Nirgendwo ein unheimlich billiges Taxi herschaffte


All diese Momente sind immer noch sehr präsent in meinem Kopf und werden es hoffentlich auch immer bleiben. Die 30 selbstgemachten Karten, die ich von Kindern und Mitbewohnerinnen erhielt, werden sicher dabei helfen :-)


JAMAICA . Das Urlaubsparadies jeden Westlers, das Reggae-Land, die Insel der Sprinter und der Rastafaris.
Niemand weiß so recht etwas über Jamaika außer den üblichen Klischees. Niemand verbindet hohe Arbeitslosigkeit, Armut und große Probleme mit der wunderschönen Insel.
In acht Stunden sitze ich im Flieger und werde von da an das „wahre“ Jamaika für drei Monate entdecken, erleben. Die Menschen fernab der Luxusresorte kennenlernen. In einer Gastfamilie mich dem Alltag, den Traditionen und der Mentalität nähern. Und nebenbei ein Journalismus bei der Zeitung, dem Funk und Fernsehen absolvieren. Ich bin gespannt. Indien hat die Messlatte hoch gesetzt – in puncto Begegnungen, prägenden Erlebnissen, Aufregung...

Der nächste Blogeintrag wird dann in Mandeville, einer Kleinstadt – meiner Stadt in Jamaika, verfasst und publiziert. Und vermutlich bin ich die, die am allermeisten auf das gespannt bin, was ich dann letztendlich schreiben werde... Bis dann!

11.11.13 02:28


Theater, Sari und Polizei in Indien

 

Momentan findet das Old World Theater Festival in Delhi statt und da ein Theaterstück in Indien groß auf meiner To-Do-Liste stand, war das die perfekte Gelegenheit. Durch meine begrenzte Zeit und durch großes Interesse entschied ich mich für 9 Parts of Desire. Für nur 1,20 € in der Kategorie der schlechtesten Plätze sah ich so eines der besten Stücke, die ich je gesehen habe, wenn nicht das Beste. Die Regisseurin und gleichzeitig Bühnenbildernin war früher anscheinend eine berühmte Bollywoodschauspielerin, meine Mitbewohnerin und Begleiterin kannte sie jedenfalls und hatte nur Gutes über sie zu erzählen. Ihre Tochter war die Schauspielerin. Die Einzige. Ein Solostück. Sie spielte neun verschiedene Frauen, neun verschiedene Irakerinnen, neun verschiedene Charaktere. Das Stück zeigte wunderbar, wie ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in ganz unterschiedlichen Situationen und Lebensabschnitten die Zeit zwischen den beiden Golfkriegen erleben. Vom Teenagermädchen, das seit der von ihm unabsichtlich verschuldeten Verhaftung ihres Vaters mehr oder weniger in ihrem Haus eingesperrt ist, über die extrovertierte Malerin, die mit „Saddams Männern“ schläft, um ihre Sicherheit und ihre „Freiheit“ zu garantieren, bis zur kettenrauchenden, intellektuellen Seniorin, die ins Exil nach London geflohen ist. Diese drei nur als Beispiele für neun individuelle Frauen mit neun individuellen Geschichten. Es wurden sehr tragische, emotionale, lustige und traurige Szenen durch perfekt inszenierte Monologe und beeindruckende Schauspielerei kreiert.

Im Großen und Ganzen ein Stück, das mir sehr lange in Erinnerung bleiben wird.



Für den Mittwoch hatten die zwei kanadischen Freiwilligen und ich auf Wunsch der Mädchen eine eigene, kleine Modenschau im Heim organisiert. Manch einer mag nun sagen, dass eine Modenschau nicht die pädagogisch „richtigen“, moralischen Werte für heranreifende Mädchen vermittelt, doch hinter so einem denkbar kleinen Event steckt mehr Arbeit als vermutet. Wir ließen die Kinder eine Playlist, eine Reihenfolge, Dekoration und natürlich ihre Outfits selber zusammen stellen, so dass Kreativität und Organisationstalent ausreichend gefordert werden. Trotz dem bisschen Chaos, ohne das Indien undenkbar wäre, lief alles überraschend gut. Wegen des Publikums wurden sogar die Selbstbewusstesten vor ihrem Auftritt richtig aufgeregt und brauchten beruhigend motivierende Worte. Danach war das Adrenalin aber umso höher und der Stolz über den eigenen besonderen Moment umso größer.
Im Anschluss gab es noch einige Sing- und Tanzauftritte. Als es zum Singen kam und die talentierteste Sängerin zu schüchtern war, um die ersten Töne zu singen, profitierte sie von der Tatsache, dass sie (und meine Mitbewohnerinnen) mir das Lied mehr oder weniger beigebracht hatten und ich mit dem Text und wundersamerweise auch der Melodie keine allzu große Probleme hatte. Stolz und zur Verwunderung aller Gäste hatte ich also die Ehre, die ersten Töne zu singen.



Davor auf meinem Weg zum Heim geschah leider etwas weniger Erfreuliches.
Nachdem mich alle meine Mitbewohnerinnen über eine halbe Stunde in einen wunderschönen, weinrot-dunkelgrünen Sari eingewickelt hatten, und auch wenn ich dann eher griechisch als indisch aussah, fühlten sie sich nach eigener Aussage wie eine stolze Mutter. Ich fühlte mich auch recht graziös, das einzige, was mich störte, war die Tatsache, dass das einzige Unbedeckte der Bauch war, der somit auch noch zusätzlich hervorgehoben wurde. Mit flachen Schuhen ist es leider auch nahezu unmöglich graziös zu laufen (v.a. Treppen) und ich zitiere „wenn du den Sari hochhebst, um besser laufen zu können, schaust du aus wie ein Hausmädchen“. Notgedrungen wurde ich dann auf der Straße manchmal zum ausländischen Hausmädchen..
Was wie eine schöne Erfahrung klingt, wurde ein paar Minuten später zu einer sehr schlechten Erfahrung und zu einem immensen Test meiner indischen Gelassenheit... Nachdem ich die zwei kanadischen Freiwilligen getroffen hatte, einer Geld für die Snacks, die sie kaufen würde, gegeben hatte und mit der anderen eine Rikscha genommen hatte, musste ich beim Bezahlen nach der fahrt merken, dass Bezahlen für mich unmöglich werden würde: Mein Geldbeutel war weg – das Erlebnis, das jeder Indienreisende und auch die Inder selber fürchten. Aufgrund der Tatsache, dass ich am Abend verreisen würde, hatte ich alle beiden Bankkarten sowie die Krankenkassenkarte und mehr Geld als gewöhnlich dabei, um es abends nicht zu vergessen. Das wurde mir zum Verhängnis und zum Grund meiner Verzweiflung... Nach Schockstarre ging ich schnell nach Hause, ließ mich von meinen Mitbewohnerinnen (denen das auch schon mehrmals widerfahren war) beruhigen und ruf die deutsche Botschaft an, um einen Rat zu erfragen. Mein Gesprächspartner freute sich erst einmal riesig, Deutsch zu sprechen, machte mir lachend Angst, indem er sagte, dass Leute, die sich freiwillig bei der Botschaft melden, zuallererst überprüft werden, ob sie im Falle eines Erdbeben gemeldet sind (??? verstehe ich den deutschen Humor nicht mehr ???), empfahl mir eines offiziellen Dokumentes wegen zur Polizei zu gehen und erklärte mir schließlich, dass er eigentlich für die Visa zuständig sei. Nach diesem hilfreichen Telefonat machte ich mich mit zwei Mitbewohnerinnen auf den Weg zur Polizeistation. In den fünf Minuten Autorikschafahrt, schaffte es unser Fahrer dank immensem Tempo fast eine unschuldige Kuh zu überfahren und mit einem Bus zusammen zu stoßen. Auf der Polizeistation gaben wir drei jedenfalls ein schönes Bild ab – die Ausländerin in traditioneller Kleidung inmitten von zwei zwei köpfe kleineren modern gekleideten Inderinnen. Die Berichterstattung verlief dank den guten Hindikenntnissen meiner Freundinnen glücklicherweise einwandfrei.

Auch wenn mir durch diesen Zwischenfall ein bisschen die Reiselust vergangen war, brach ich abends dann schließlich zu meinem ersten Trip alleine auf.


Über die spannende Reise zum Sitz des Dalai Lamas gibt es bald einen schönen Blogeintrag.

20.10.13 08:07


Geduld - Bahai Religion - Delhis "In-Viertel"

 

Genau zwei Wochen vor meinem Abflug durfte ich einen Test unterlaufen, inwieweit ich mich der indischen Geduld angepasst habe.

Nachdem wir um 5 Uhr früh aufgestanden sind, um den Zug um 6:45 Uhr zu erwischen, durften wir feststellen, dass er zwei Stunden Verspätung hatte. Diese Verspätung wurde dann schließlich auf mehr als drei Stunden erhöht, was im Besonderen für mich ärgerlich war, da ich extra so früh aufbrechen wollte, um der für mich letzten Versammlung der internationalen Freiwilligen, die mir beim letzten Mal so viel gebracht hat, um 12 Uhr beiwohnen zu können. Nach der verspäteten Ankunft noch mit das Maß des guten Preises weit überschreitenden Auto-Rikscha Fahrern zu diskutieren und sich dann durch Delhis verkehr, der durch eine immense Masse von aus der Moschee kommenden muslimischen Männern zusätzlich behindert wurde, zu bahnen könnte kein besserer Test für einen Westler sein, ob Geduld à la indischer Manier vorhanden ist. Meine Mitbewohnerin bestätigte mir meine Beobachtung, dass Geduld einer der wichtigsten indischen Werte ist, welcher den Kindern von klein auf vermittelt wird. Bei den zahlreichen Stromausfällen und bei dem in vielen anderen Situationen langsameren indischen Weg bleibt der Bevölkerung nichts anderes übrig. Ein wichtiges indisches Sprichwort, das auch wirklich jeder lebt ist „The fruit of waiting is sweeter“, was ein bisschen an „Vorfreude ist die schönste Freude“ erinnert. Ob die Menschen auch geduldig auf ein besseres Leben, auf Glück warten, ist eine andere Frage, der ich aber auf alle Fälle nachgehen werde.
Ich für meinen Teil überraschte mich jedenfalls selber. Während ich beim Warten unglaublich ungeduldig, wütend auf den Zug und wegen des verpassten Meetings und trotz großer Müdigkeit nicht einmal in der Lage war, von der gewonnen Zeit zum Schlafen zu profitieren, weil ich andauernd auf die Uhr schaute und ganz nach europäischer Manier die Zeit ausrechnete, wurde ich im Zug ungemein gelassen, „akzeptierte mein Schicksal“, regte mich nicht länger auf und nahm das verpasste Meeting als blöden Zwischenfall hin. Also haben die zwei Monate Kontakt mit indischer Gelassenheit ihre kleinen Spuren auf meinem sonst recht ungeduldigen Gemüt hinterlassen.. Früher hätte ich die vier Stunden Zugfahrt nicht den Anflug von guter Laune oder positiven Gefühlen verspüren können, wäre die ganze Zeit grimmig, voller Ärger dort gesessen. Mein Verhalten am Freitag spiegelt also in gewisser Weise indische Gelassenheit wider. Die Frage ist, ob jene unter europäischem Einfluss wieder verfliegt...



Am Donnerstag in Agra bekam ich die Gelegenheit, einen der schlechtesten Bollywoodfilme im Kino zu sehen. (Meine indischen Begleiter waren im Übrigen ähnlich begeistert wie ich, die Filmauswahl wurde bereut.)
Dass Bollywood generell nicht wirklich einen tieferen Sinn haben, war mir ja keine unbekannte Tatsache, aber dieser Film mit einem berühmten und beliebten Schauspieler als Hauptdarsteller, der in seinen Rollen leicht als Idol dienen kann, vermittelte zudem noch immens schlechte moralische Werte.

Das erste Problem, was ich schon einmal in meinem Blogeintrag über Frauen in öffentlichen Plätzen erwähnt habe, ist die Darstellung vom Entstehen einer Beziehung. In diesem Fall sieht der Mann, der seinen Lebensunterhalt mit Autodiebstählen verdient, eine Frau, spricht sie an, wird ignoriert, läuft ihr nach, trifft sie zufällig wieder, weiß nun, wo sie wohnt, kommt ab diesem Zeitpunkt regelmäßig unangekündigt und öfters versteckt zu ihrem Haus (was man durchaus als Stalking bezeichnen kann), besucht sie auf ihrer Arbeit, stiehlt unabsichtlich ihr Auto, macht einen „Roadtrip“ mit ihr, um das Auto wieder zu beschaffen, und schafft es letztendlich, dass die Frau Gefühle für ihn entwickelt, ihn vor seinen Komplizen beschützt und mit ihm eine Beziehung eingeht. Natürlich wird die männliche Hauptperson als charmant dargestellt und am Ende viel Romantik inszeniert, aber prinzipiell könnte man die Lehre aus der Geschichte ziehen, dass penetrantes Erscheinen an Orten, die fest im Alltag der Frau verankert sind (=Stalking), zu einer „Einwilligung“ der Frau und zum Erreichen des Ziels führt. Was denken sich Drehbuchautoren/Produzenten dabei, solche Geschichten in die Welt, in Indien zu setzten?

Das zweite Problem ist die extreme Präsenz und Verharmlosung von Gewalt. Es ist ja üblich, Gewalt in populären Filmen zu verherrlichen, obwohl meist die „Bösen“ damit anfangen. In diesem Film war Gewalt aber in jeder verzwickten Situation die Lösung für den Hauptdarsteller, unschuldige Wachmänner wurden brutal niedergeschlagen und das alles geschah in einer „lustigen“ Inszenierung.


Der Taj Mahal, mehr oder weniger die einzige Sehenswürdigkeit Agras, ist wirklich eine sehr gute Einnahmequelle, einfach durch die Tatsache, dass Ausländer 750 Rupies (was ein Vermögen in Indien ist) und Inder 20 Rupies zahlen müssen. Trotz der großen Menge an indischen Besucher, kommen natürlich auch jede Menge Ausländer, die von einem der bekanntesten Bauwerke und von einem der Weltwunder angelockt wurden. Obwohl wir um 8 Uhr morgens dort waren, war es unheimlich voll und das eigentlich Spannende war, die ausländischen Touristen zu beobachten. Ich finde es immer wieder faszinierend, welche Diversität in Indien sogar unter ausländischen Touristen herrscht. Wenn man etwas verallgemeinert, kann man die meisten in Gruppen einteilen. Da sind zum einen die etwas älteren Menschen, die entweder in einer organisierten Reisegruppe oder als Ehepaar reisen und die – gutgläubig wie ältere Menschen manchmal sind – häufig auf die immer geschickteren, indischen Händler/Rikscha-Fahrer oder Reisebüroarbeiter hereinfallen, mit der Hitze zu kämpfen haben und teurere (für indische Verhältnisse, d.h. Um die 20 Euro) Hotels bevorzugen. In diese Kategorie gehören vermutlich auch die älteren Frauen, die in ausschließlich weiblichen, kleinen Grüppchen verreisen, und die annehmen, sie können sich in Indien besser selbst finden, sich neu kennenlernen und sich frei fühlen. Das ist zugegebenermaßen ein Vorurteil, welches sich aber durch einige Beobachtungen auch bestätigt hat. Dann gibt es die abenteuerlustigen Paare und Familien (obwohl das eher selten ist, bis jetzt habe ich genau eine Familie getroffen bzw. gesehen), die viel wandern, etwas in der Natur unternehmen und sehr bemüht versuchen, etwas über die Kultur herauszufinden und zum Beispiel schlechtes Straßenessen ausprobieren und Gesundheitsprobleme bekommen. Schließlich gibt es noch die jungen Leute, die sich mit Rucksack an das Abenteuer „Indien“ wagen, die in Billigunterkünften von Stadt zu Stadt reisen, die alles ausprobieren und die manchmal als Hippies bezeichnet werden, wenn sie sich dem indischen, relaxten „Way of life“ und der indischen, luftigen und bunten Kleidung anpassen.
Natürlich passt nicht jeder in so eine Kategorie und jeder Indientourist hat sicher seine eigene kleine Geschichte, aber bei jeder Touristenattraktion und in jeder touristisch populären Stadt wird man Menschen sehen, die vom Aussehen und ihrer Art genau in einer dieser drei Kategorien passen.
Zurück zum Taj Mahal – ein faszinierendes Gebäude, aus Liebe für eine der Dutzend Ehefrauen des Moguln-Herrscher entstanden, von Händen erbaut (wer weiß, ob man heute mit all den Maschinen so etwas wunderschönes noch einmal kreieren könnte), die den unterbezahlten Arbeitern nach der Fertigstellung dieses Kunstwerks abgehakt wurden – sie hatten schließlich ihre Aufgabe erfüllt, wozu waren sie jetzt noch wert? Auch mit diesem faden Beigeschmack kann man die Schönheit nicht leugnen, obwohl diese immer noch durch die Umstände gesteigert werden kann – bei Vollmond oder Nebel stimmt die Atmosphäre einfach perfekt. (Das Glück hatte ich natürlich nicht, aber es gab überraschenderweise blauen Himmel, Sonnenschein und Hitze.)


Am Sonntag durfte ich dann endlich den Lotustempel erkunden. Dieser ungewöhnliche, in Form einer Lotusblüte erbaute Tempel ist der Hauptsitz der Angehörigen der Bahai-Religion in Indien. Eine relativ unbekannte Religion mit wenigen Anhängern, aber eine der Religionen, mit der man sich als Atheist am meisten anfreunden kann. Der Fokus liegt auf Einheit. Einheit von Gott, Einheit von Religion und Einheit von Menschlichkeit, wobei mir letzteres am besten gefällt.

Die Bahai's akzeptieren jedenfalls jede Religion und man kann sozusagen Hindu sein, also an die hinduistischen Götter glauben, und gleichzeitig Anhänger der Bahai-Religion sein. Alle Götter seien nur andere Interpretationen des einen, gleichwertigen Gottes, der für alle Menschen dieser Welt verantwortlich ist und somit werden alle Menschen dieser Welt komplett gleichgestellt. Im Tempel selber gibt es außer betenden/meditierenden Menschen kein Zeichen von Religion, keine Darstellung von Gott – alle verschiedenen Formen Gottes respektierend. Diese außergewöhnliche Religion entstand im 19. Jahrhundert durch einen Botschafter, der trotz seines Wohlstands sein ganzes Leben mit der Unterstützung von Armen verbrachte (er wurde „Vater der Armen“ genannt), der immer die Gleichheit aller Menschen betonte und irgendwann die Botschaft Gottes bekam, dass er derjenige ist, der das verbreiten muss und der eine einheitliche Religion, die jeden respektiert, erschaffen muss. Nach ihm kamen noch einige Gurus, die mehr Anhänger für die Religion gewinnen konnte (zu gewissen Epochen wurden sie allerdings auch verfolgt und konnten nicht praktizieren). Prinzipiell hat die Bahai-Religion also eine offene Tür für Gläubige aller Richtungen, sie hat viele soziale Projekte aufgebaut und setzt ihren Fokus vor allem auf Bildung. Als ferneres Ziel haben die Bahai's die Einheit der Welt und somit den Weltfrieden vor Augen. Es ist fraglich, ob die Umsetzung funktionieren würde (es gibt ja immer noch die Atheisten, die in keine Schublade von Glaubensrichtung gesteckt werden könnten), aber der Ansatz ist zumindest erfreulich. Aus Interesse habe ich mir ein kleines Gebetsbuch gekauft, denn auf die Gebete dann wirklich gerichtet sind, sagt meist doch viel über die Religion aus. Es verleiht dem positiven Eindruck, der vermittelt wird, auf alle Fälle Authentizität, wenn für eine bessere Bildung der Kinder gebetet wird...


Im späten Nachmittag wurde mir dann das „In-Viertel“ Delhis gezeigt – Hauz Khas. Es wird als Dorf in der Stadt bezeichnet, hat aber keine Ähnlichkeiten mit den Charakteristiken eines Dorfes: Teure Designerläden, einen friedvollen Park mit historischen Gebäuden, wo sich die trendig junge Elite versammelt und Gitarre spielt, Joints dreht oder Fotoshootings organisiert, und unheimlich viele Cafés und Restaurants. International, ein bisschen indisch, an dem Geschmack der Touristen und der trendig Jungen orientiert. Darunter auch das Kunzum Travel Café, das ein wunderbares Konzept hat. Dieses Konzept würden „Rationale“ möglicherweise als naiv, unmöglich abstempeln, aber wenn man in aller Munde ist, funktioniert es sichtbar einwandfrei. Allen Menschen, egal ob Inder oder Ausländer, ob Tourist oder Einwohner Delhis, wird so viel Kaffee (guter Filterkaffee!) und Cookies (selbst gebacken, nicht zu süß!) - zwei Besonderheiten in Indien – serviert, wie die Gäste wollen. Seinen Aufenthalt kann man damit verbringen, die wunderschöne Fotoserie über Indien zu bewundern oder sich einem der vielen Bücher (meist etwas über Reisen) widmen. Ansonsten kann man natürlich auch nur mit Freunden in den gemütlichen Korbstühlen sitzen und die Atmosphäre genießen. Gezahlt wird nach Wunsch. Menge und Preis nach Wunsch. Dass so etwas in unserer geldgierigen Gesellschaft funktioniert, ist schon allein ein Grund, dorthin zu gehen. Natürlich würde das alles bei niedrigerem Bekanntheitsgrad nicht in dem Maße laufen, aber ein außergewöhnliches Konzept lockt viele interessierte Stimmen, die bei Begeisterung lauter werden und es automatisch weiter vermarkten.

Danach wechselten wir den Ort des Geschehens fast radikal und ich durfte die für mich erste Bar Indiens betreten. Diese gehört zu einer recht bekannten Kette, die ihre „Filialen“ überall in Delhi verteilt hat. Überraschend gemütlich und edel rustikal eingerichtet mit internationaler Chartsmusik (inklusive DJ) konnte man dort durchaus längere Zeit verbringen. Neben elektrisch blauen Cocktails für 2 Euro gab es auch leckere, außergewöhnliche Speisen, wo es natürlich von Vorteil ist, wenn der Barbesuch um halb 7 und nicht um halb 12 wie in Europa stattfindet. Die Gäste waren größtenteils junge Studenten oder wohlhabendere Menschen, die sich mit einem Whiskey vom teuren Einkauf erholten.



In meiner vorletzten Woche (noch 9 Tage!!!) werde ich die schöne Natur in den Bergen mit einer Ekundungstour durch den Exilsitz des Dalai Lamas verbinden und zudem mit einem der berühmten Spielzeugzüge, die sich als einzige einen Weg durch die bergige Landschaft bahnen könne, fahren. Zudem organisieren wir heute im Heim ein kleines Event und zur Feier des Tages werde ich einen (geliehenen) Sari tragen, so dass ich genug Erlebnisse haben werde, um den nächsten Blogeintrag auszufüllen.

16.10.13 09:36


krankenhaus, Mängel im Waisenhaus und andere schöne Geschichten aus Indien

 

Die Schuld für die lange Leere auf meinem Blog kann ich mit gutem Gewissen auf Dengue-Moskitos schieben, die mich für 8 Tage in ein indisches Krankenhaus mit dem zu dieser Zeit weit verbreiteten Denguefieber brachten...





So sehen die verzweifelten Versuche der Stadt aus, die hohe Luftverschmutzung (Delhi ist einer der Städte mit der schlechtesten Luftqualität) durch kleine, mickrige Bäume, die nicht so recht wachsen wollen, zu bekämpfen. Doch genauso klein und mickrig wie die Bäume, ist die Botschaft, die bei den Menschen ankommt. Es gibt zwar überdurchschnittlich viele Parks in der Innenstadt (entweder immer einen kleinen pro Gate oder ein großer pro Block), die das grüne Bild aufwerten, doch diese Parks beherbergen alle leere, unbenutzte Mülleimer sowie große Müllberge. Zugegebenermaßen ist es unglaublich schwierig bzw. unmöglich, einen Mülleimer auf den Straßen zu finden, aber in den Parks sind sie da. Es gibt sie. Und wie reagiert die Bevölkerung Delhis darauf? Mit purer Ignoranz. Es kann nicht daran liegen, dass sie nicht wissen, was die Funktion dieser mysteriösen Behältnisse ist, zu Hause hat schließlich auch jeder irgendwo einen Eimer, in dem die Abfälle landen. Ist es also reine Bequemlichkeit? Weil man zwei Meter gehen müsste und der Boden in „greifbarer“ Nähe ist? Bei solchen Thematiken darf man einfach keine Akzeptanz walten lassen, so etwas hat nichts mit Kultur zu tun.

Immerhin gibt es eine Menge Müllmänner, die alles, was herumliegt, in ihren großen Säcken sammeln, die wiederum auf einem alten, klapprigen Fahrrad transportiert werden. Dann geschieht wahrscheinlich indische Wiederverwertung: „Wertvolle“ Gegenstände werden von armen Kindern hervor gewühlt, die Kühe essen einen Teil und der Rest wird verbrannt. Einiges davon habe ich selber schon gesehen, anderes vermute ich einfach mal frei heraus.

Es gibt jedenfalls ein großes Defizit in diesem Bereich und ich bezweifle, dass die Kampagne vom grünen Delhi in die Köpfe der Menschen hinein dringen wird...







Am Samstag vor zwei Wochen habe ich spontan beschlossen, die Nacht im Heim zu verbringen. Ich sah es als gute Möglichkeit, dem Alltag der Kinder näher zu sein, eine stärkere Verbindung aufzubauen und aus der Rolle der Nachhilfelehrerin herauszukommen. Als sie mich dann mit einem süßen Lächeln auf den Lippen fragten, überlegte ich nicht lange. Im Gesamten war es natürlich eine sehr schöne Erfahrungen, aber ich werde mich nun hier auf zwei interessante Aspekte von Mangel fokussieren.

Zum einen ist das der Mangel an Gesellschaftsspielen:
In einem der Regale stapeln sich Spiele, doch solche mit Namen wie „Who wants to be a physician?“, „Playing with Numbers“ oder „Fun with Science“. Diese werden zwar alle als Gesellschaftsspiele definiert, aber auch mit Anstrengung kann man sich damit kein gemütliches, lustiges Beisammensein vorstellen. Das Einzige, was in diese Kategorie passte waren UNO-Karten. Und als wir erst einmal anfingen damit zu spielen, bekam ich schnell den Effekt zu Gesicht, den ich erwartet habe: Die Kinder waren mit vollem Eifer dabei, vergaßen alles andere und genossen mit freudigen Augen den Moment. Diese Beobachtung bestätigt mein Gefühl, dass den Kindern nicht angemessen Spaß geboten wird. Die Betonung liegt auf Spaß bieten. Spaß haben die Mädchen ja, aber der wird in der Freizeit durch Spiele im Internet (bei denen man eine weiße Frau mit freizügiger Kleidung anziehen kann) oder durch Fernsehen erlangt. Die Mentor Mothers haben ihren Blick zu fokussiert auf die Schule gerichtet und die Zuständigen im Heim haben einfach nicht genug pädagogisches Verständnis, um den Sinn von Gesellschaftsspielen zu verstehen. Statt starr nebeneinander vor dem Fernseher zu sitzen, würden die Mädchen dabei miteinander interagieren, taktisches Denken lernen können und aktiv Spaß haben.
Ich habe auch noch einen anderen, viel schwerwiegenden Mangel entdeckt: Hygiene! Die Toilette ist auch für indische Maßstäbe extrem unsauber und dementsprechend eklig und ich sage bewusst „die Toilette“. Es gibt nämlich nur eine. Für 12 Mädchen. Aber auch die aktive Hygiene leidet extrem im Alltag, so putzten die Mädchen nur morgens die Zähne, abends das selbe zu tun scheint nicht einmal eine Gewohnheit zu sein, da mich alle überrascht anstarrten, als ich fragte, warum denn keiner Zähne putzt...

Bei diesen beiden Punkten herrscht dringender Verbesserungsbedarf und vielleicht entdeckt das bald auch die schlechtgelaunte zuständige Sozialarbeiterin, die eigentlich eben dafür da ist, den hygienischen Zustand des Heims zu überprüfen etc.



Trotz dieser entdeckten Mängel habe ich persönlich immer noch damit zu kämpfen, dass man bei meiner NGO nicht so viel bewegen kann, wie man es anderswo in Indien könnte. Es gibt so viele unorganisierte Waisenhäuser, so viele Slums, so viele Schulen in Armenvierteln, so viel benötigte Hilfe überall.. Diese Gedanken wurden durch ein Gespräch mit einer Freundin meiner Mitbewohnerin verstärkt, die bei einer Initiative von „Teach for India“ als Freiwillige mitgearbeitet hat. Sie erzählte mir von der Situation an staatlichen Schulen („meine“ Waisenkinder gehen ja alle an Privatschulen), die im Prinzip nur von Kindern aus ärmeren Verhältnissen besucht werden. Die (vom Staat!) relativ gut bezahlten Lehrer machen sich dort anscheinend nicht einmal die Mühe, jeden Tag zur Arbeit zu erscheinen geschweige denn die Kinder zu unterrichten. Das hat dann die Folge, dass die Kinder zur Unterrichtszeit herumsitzen, miteinander spielen und nicht den Sinn von Schule begreifen. Meistens kommen sie letzten Endes nur zum Mittagsessen, das die Schule den Kindern anbieten muss. Schule und Bildung bedeutet für diese Kinder also nicht der Schlüssel zu einer besseren Zukunft, die Möglichkeit etwas zu lernen und sich aus den armen Verhältnissen ihres Umfelds heraus zu kämpfen, für diese Kinder bedeutet Schule eine sichere Mahlzeit pro Tag. In solchen Schulen richtet dann die „Teach for India“-Initiative ein Klassenzimmer ein, in dem Freiwillige die Kinder unterrichten und versuchen den Kindern zu zeigen, was Schule bedeuten kann. Zudem gibt es in diesen Institutionen neben verantwortungslosen Lehrern auch einen gewaltigen Mangel an Hygiene: Die Mädchenschule, in der meine Bekannte unterrichtete, hatte keine einzige Toilette, so dass die Mädchen ihr Geschäft im Klassenzimmer (!!!) in einer Ecke vor den Augen aller verrichten mussten. Solche Zustände können nicht nur gesundheitlich gefährlich sein, sondern verletzen auch noch die Würde der Kinder und untergraben noch mehr die Bedeutung des Klassenzimmers als ein Ort des Lernens.

An solchen Orten werden Menschen, die helfen und die Verantwortungsgefühl haben, dringend gebraucht...



Sobald ich mich wieder verstärkt auf indischen Straßen bewege und mehr Inspiration oder Gedankenanstöße bekomme, werden die Einträge auch wieder schöner.. Die Geschehnisse der letzten Wochen durften nur nicht zu lange auf diesem Computer mitgeschleppt werden, so dass dieser wenig koordinierte Eintrag mit meinem noch nicht komplett funktionierenden Gehirn entstanden ist.

 

11.10.13 10:49


Zweiter Teil der ersten Reise//Umgestaltung des Alltags der Kinder in Indien

Um halb 7 Uhr früh kamen wir dann im – zu diesem Zeitpunkt – sehr ruhigen Udaipur an und vertrauten diesmal auf meinen Reiseführer, der uns zu einem bunt bemalten, mitten in der Altstadt gelegenen Hotel führte. Dort zahlten wir für ein sehr großes Doppelzimmer mit Bad 700 Rupies (also jeder so um die 4 Euro)... Im gemütlichen Palmengarten durften wir dann mit einer Schildkröte zu unseren Füßen als einige Gesellschaft ein sehr gutes Frühstück und vor allem den besten Kaffee seit langem genießen. Udaipur ist auf alle Fälle eine Stadt, die für alle Indienreisende, einen Besuch wert sein sollte: Trotz der zunehmenden Touristenzahl und der damit verbundenen Kommerzialisierung der Stadt haben die kleinen, hügeligen Gassen ihren eigenen Flair behalten. Man fühlt sich ein bisschen wie in Südeuropa mit mehr Kühen und mehr Kamelen. In diesen Gassen hat jedes Haus etwas ganz eigenes: Eine besonders intensive Farbkombination, einen sorgfältig gezeichneten, bunten Elefanten neben der Tür oder einfach eine Kuh, die vor der Schwelle ein Chapati verspeist.
In einem vom Finanzminister errichteten japanischen Felsgarten, der auf einen Hügel führt, bekamen wir dann noch die nötige Portion an purer Natur und oben einen schönen Ausblick auf die zwei großen Seen Udaipurs. Nach einsetzendem Monsunregen setzten wir uns in eine Autorikscha, was einer stürmischen Bootsfahrt gleich kam. Deutlich entspannender war es aber dann doch die überfluteten Straßen aus unserem Hotelzimmer zu beobachten.. Dieser erste richtig lang andauernde Regen, den ich in Indien zu spüren bekam, war bald aber auch nicht mehr sichtbar, so dass wir uns auf den Weg für eine täglich stattfindende Veranstaltung, bei der extra für Touristen rajasthanische Musik und Tänze präsentiert werden, machen konnte. Das stellte sich aber schwieriger als gedacht heraus, da zu Ehren von Ganesha eine Art Umzug durch die ganze Stadt ging. Ein indischer Umzug hat nicht wirklich ein Ziel, sondern zieht mehr oder weniger im Kreis herum, die verschiedenen Gruppen kreuzen sich immer wieder, manchmal spuckt der ein oder andere etwas Feuer, manchmal greift eine alte Frau im Sari zum Mikrofon und gibt Ganesha-Mantra zum Besten. Teilweise mussten wir gezwungenermaßen im Zug mit laufen, am Anfang war es recht interessant, aber nach einer Stadt wurde es eine kleine Belastung für die Nerven, abwechselnd vor Feuerspuckern, Wagen mit Ganesha Statuen und wild tanzenden Indern auszuweichen und nebenbei noch den richtigen Weg zu finden.

Die Aufführung, die wir nahezu rechtzeitig erreichten, war dann zwar sehr touristisch gestaltet und überraschend kurz (fünf Auftritte), aber doch interessant anzusehen.
Mit der rajasthanischen Musik (spezielle Instrumente) als Begleitung, tanzten dann mehrere Frauen. Das Erfreuliche war, dass sie im Gegensatz zu den Tänzerinnen in Bollywoodfilmen nicht dünn, nicht jung und nicht ungewöhnlich weiß waren. Ganz normale indische Frauen eben. Das Highlight war eine Frau um die 50, die über 10 Töpfe auf ihrem Kopf balancierte und dabei elegante Bewegungen machen, in die Hocke gehen und sich wieder aufrichten konnte. Trotz der touristischen Ausrichtung, war alles im Gesamten recht authentisch – so lachten sich die Frauen, die gemeinsam tanzten ununterbrochen an.

Am letzten Tag unserer Reise machten wir einen vier Stunden Ritt auf Marwaripferde (Vollblüter mit nach innen gedrehten Ohren). Der Betrieb wird von einer deutschen Soziologin, die seit 12 Jahren in Indien lebt (was natürlich nie geplant war), geleitet.
Mit einem indischen Führer ging es dann hoch in die bergige Umgebung Udaipurs, wo wir durch Dörfer und durch Flüsse, auf steilen Abhängen und auf ebenen Waldpfaden ritten. Alles Orte, an die man zu Fuß nie hin gehen würde. Und endlich hatte ich mal die Gelegenheit einen minimalen Einblick in das Dorfleben zu bekommen. Dauernd fragte ich mich, ob ich da an den Frauen vorbei reite, die immens diskriminiert werden, ob ich da an Familien vorbei reite, die so abgelegen wohnen, dass im Krankheitsfall jede Hilfe zu spät kommt, ob ich da an welchen der 51% unterernährten Kinder Indiens vorbei reite. Ich sah einige Wasserbrunnen und glücklicherweise auch einige Schulen! Auf alle Fälle ist es dort oben eine ganz andere Welt als in den Städten Indiens und vor allem nach diesem minimalen Einblick wundert es mich überhaupt nicht mehr, warum in den Büchern, die ich über Indien von Indern lese, Politik und Maßnahmen in Stadt und Dorf strikt getrennt werden.
Ansonsten bescherte uns der Ritt wunderschöne Ausblicke und einen heftigen Muskelkater für die folgenden Tage...

Am Nachmittag erfüllte ich mir dann meinen persönlichen Wunsch – eine Bootsfahrt auf dem Lake Pichola. Obwohl überteuert und zu kurz, genoss ich jeden Augenblick und machte aus jeder Perspektive Fotos von dem berühmten Hotel, das mitten im See gelegen ist und als Kulisse für viele Filme und für viele Millionärshochzeiten diente.



Nach diesem erlebnisreichen Tag mussten wir schließlich wieder den Nachtzug nach Delhi nehmen, wo wir um halb 7 Uhr morgens ankamen und drei Stunden später bei der Arbeit erscheinen mussten. Selten hab ich so lange auf ein und den selben Fleck meiner Excel-Tabelle gestarrt...

Meine Schlussfolgerungen aus der Reise sind folgende:
- Zugfahren in Indien ist unheimlich praktisch und billig.
- Wenn man etwas sucht, findet man richtig gute und billige Hotels.
→ Reisen in Indien im Bezug auf Transport und Unterkunft ist ziemlich einfach und sollte man dementsprechend oft machen (deshalb setze ich mich jetzt unter Druck, wenigstens noch eine „größere“ Reise zu machen)
- Jaipur und Udaipur sind komplett unterschiedlich untereinander und im Vergleich zu Delhi
- beide Städte waren schön, hatten ihren eigenen Flair, es war schön, etwas anderes als Delhi zu sehen, aber im Großen und Ganzen ist Delhi der perfekte Ort zum Leben – bei der Größe und Vielfalt an Sehenswertem wird es nie langweilig und man ist einfach im Zentrum von allem.



Am Mittwoch fand dann das monatliche Treffen der internationalen Freiwilligen meiner NGO statt, bei dem Erfahrungen, Probleme, Ratschläge, etc ausgetauscht werden sollen. Überraschenderweise (für mich selber) berichtete ich ganz ehrlich und offen über meine Sorgen betreffend der Bindung zu den Kindern, inwiefern es mich stört, dass ich oft nur als Nachhilfelehrerin fungiere, und inwiefern sich das aber aufgrund meiner Arbeitszeiten im Heim nicht wirklich ändern lässt. Und siehe da: ursprünglich ist für die Kinder pro Tag mindestens eine halbe Stunde vorgesehen, in der sie in den nahegelegenen Park gehen, spielen, sich bewegen und den Kopf frei kriegen. Momentan war aber anscheinend keiner von denen bereit, die es wussten, und alle, die bereit gewesen wäre, wussten es nicht. Denn natürlich dürfen die Kinder nicht alleine dort hin gehen. Nachdem uns das die Freiwilligenkoordinatorin erklärt hatte, bekam ich sofort Unterstützung von zwei Kanadierinnen, die jeweils zweimal die Woche im gleichen Heim Nachhilfe geben, die ebenfalls der Meinung sind, dass die Kinder viel zu viel Zeit mit Lernen und vor allem drinnen, im Haus, verbringen. Freiwillige haben ja meistens genug Energie und Motivation, etwas zu ändern, so dass wir am gleichen Tag unseren Plan sofort in die Tat umsetzten und einige der Kinder (nicht alle, da manche nicht da waren oder manche gerade Besuch von ihren persönlichen Nachhilfelehrern hatten...) mit in den Park nahmen, der überraschend groß und sauber war. Aus unserem Repertoire und dem der Kinder konnten wir viele spaßige Spiele aussuchen und alle waren begeistert dabei. Da war das Bauchweh von vorher, die Unlust von vorher oder der Lernstress von vorher schnell vergessen.. Am nächsten Tag wurden wir auch sofort mit der Frage, wann wir denn wieder in den Park gehen, empfangen. Diesmal waren mehr Kinder dabei, u.a. auch ein Mädchen, das etwas kräftiger ist, kaum redet, sehr schüchtern ist und eine Art psychische Krankheit (ausgelöst von einem Trauma hat) hat. Wann immer sie den Ball oder ein Kind fing, klatschten alle jubelnd und beglückwünschten sie. Ihr Lächeln wurde im Laufe der Spiele immer, immer größer...

 

 

Im nächsten Eintrag werde ich versuchen, endlich mal wieder spannende Themen zu erörtern. Wie das schon ewig geplante "Grüne Delhi" oder andere Aspekte der Gesellschaft. Leider sind die letzten Einträge fast zu chronologischen Reiseberichten ausgeartet...

 

23.9.13 19:11


Frauen, Public Spaces und City planning in Indien // erster Teil der ersten Reise

Vor mittlerweile über zwei Wochen durfte ich eine Veranstaltung der Heinrich-Böll Stiftung Indiens besuchen. Es war eine Art Diskussionsforum über „The City as an inclusive space through a gender and equity lens“, das zusammen mit einem Soziologieinstitut organisiert worden war. Es muss klar gestellt werden, dass indische Städte und vor allem auch Delhi als Ausgangspunkt für jegliche Argumentation genommen worden sind. Was aber nicht heißt, dass es keine Parallelen zu westlichen Städten geben kann.
Die wichtigsten Punkte, die ich aus den drei Präsentationen und der nachfolgenden Diskussion mitgenommen habe, werde ich hier zusammenfassen, dann kann das jeder für sich selbst entscheiden.

Städteplanung ist nicht so neutral wie wir denken. Das ist die ganze Voraussetzung für eine Diskussion mit diesem Thema. Wer hat sich je schon Gedanken über Städteplanung und Geschlechtergerechtigkeit gemacht? Städteplanung ist die Interaktion mit öffentlichen Plätzen. 95% indischer Frauen haben in einer repräsentativen Umfrage angegeben, schon einmal sexuell belästigt geworden zu sein (in diesem Fall zählen auch anzügliche Kommentare zur Kategorie „sexuelle Belästigung&ldquo, die häufigsten Orte der Vorfälle waren Straßen, öffentliche Verkehrsmittel, an Haltestellen von öffentlichen Verkehrsmitteln auf Märkten. Städteplanung ist also die Interaktion mit öffentlichen Plätzen. Was sind öffentliche Plätze? Straßen, öffentliche Verkehrsmittel und Märkte zum Beispiel. Demnach ist Städteplanung also die Interaktion mit den Orten, wo Frauen am häufigsten sexuell belästigt werden. Nun schauen wir uns nochmal diese Orte an und fragen uns, was frau tun kann: Nicht mehr auf die Straße gehen? Keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen? Keine Märkte besuchen? Diese drei Orte sind Teil vom täglichen Leben, vom Alltag, und somit Orte, die man nicht meiden kann. Frauen haben das Recht auf einen Alltag, in dem sie keine Angst haben müssen. Sicherheit ist für Frauen stark verbunden mit der Möglichkeit Autonomie zu gewinnen. Doch die Pflicht, Maßnahmen für die Sicherheit der Frau zu ergreifen bleibt schließlich immer an den Frauen selber hängen. Sie sollten nachts nicht auf die Straße gehen, sie sollten nicht zu kurze, aufreizende Kleidung tragen, sie sollten ein unauffälliges Verhalten an den Tag legen. Sie sollen sich und ihre Gewohnheiten so kontrollieren (und einschränken!), dass die Männer ihre sexuelle Begierde kontrollieren können. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? In der Tat sind es immer die Frauen und immer wieder die Frauen, die zurückstecken müssen. Die Gefahr kann man nicht wegstecken, also muss man die Gefährdeten wegstecken. Die Metro hat ein innovatives Programm (allgemein ist die Metro in Delhi sehr fortschrittlich, gut und unglaublich übersichtlich aufgebaut) entwickelt: Es gibt extra Abteile für Frauen, die für mehr Komfort und weniger Angst vor dreckigen Absichten sorgen. Aber sind solche Abteile die Lösung? Diese Abgrenzung, die ja schon in Schulen und Universitäten vorgenommen wird, ist eine Bewältigung des Problems, aber keine Bekämpfung oder gar Beseitigung des Problems. Das wäre nur erfolgreich bekämpft, wenn Frauen ohne Angst in Männerabteilen stehen könnten, wenn ihnen genug Respekt und Rücksichtnahme gezollt werden würde. Die Abteile sind zwar ein großer Vorteil für Frauen, aber man muss sich eben fragen, warum das gerade nur in Indien notwendig war und angeschafft werden musste.. Im Grunde geht es ja auch bei einschließender Städteplanung genau darum – man will nicht die öffentlichen Plätze nach Geschlechtern trennen (rechte Straßenseite Frauen und linke Straßenseite Männer, stellt euch mal das Bild vor...), sondern jene so planen, dass Frauen im Prozess beachtet werden, dass sie mit eingeschlossen werden und dass mehr Sicherheit für sie entsteht.

Das war jetzt eine kleine (minimale) Einführung in das Thema mit einem anschließenden Kommentar von mir. Alles ist natürlich viel weitläufiger und komplizierter, wer sich für mehr Information interessiert, bekommt gerne von mir die offizielle Broschüre!


Am letzten Sonntag waren dann weitere Punkte auf unserer touristischen To-Do Liste zu erfüllen. Das Humayun Mausoleum hat mich zum ersten Mal dazu verleitet, den extra für Ausländer schon recht hohen Preis (über 3 €, das sind vier Mahlzeiten, zwei Leggins, ein Oberteil, 60 Bananen) zu zahlen. Auf diese 60 Bananen habe ich auch gerne verzichtet – wie ich schon von Bildern fasziniert war, stieg meine Begeisterung beim reellen Anblick noch auf ein höheres Level. Mit Sicherheit eines der schönsten Monumente, die ich je gesehen habe. In einem riesigen Parkkomplex erstrecken sich mehrere Mausoleen, das schönste – das von Humayun – natürlich im Zentrum, welches nach seinem Tod auf seinen Befehl von seiner Frau zu seinen Ehren errichtet wurde.

Danach wollten wir ursprünglich in ein muslimisches, authentisches (wenn man dem vertrauenswürdigen Reiseführer glaubt) Viertel, dessen schöner Teil leider schwieriger als gedacht aus findbar zu machen war. Wir wollten besonders schlau sein und am Bahnhof des Viertels starten, was leider überhaupt kein guter Ausgangspunkt war, so dass wir nach einer frustrierenden Stunde zum altbekannten Connaught Place flüchteten..



Mein letzter Montag war in dem Sinne interessant, dass ich etwas über die Wahrnehmung von Freiwilligen seitens der Kinder erfahren habe. Nach einigen Nachhilfesessions hat ein Mädchen ihre Pause vor Facebook verbracht und die Gelegenheit genutzt, mir ehemalige Freiwillige, die regelmäßig in ihrem Heim tätig waren, zu zeigen. Alle drei wurden für ihre Schönheit gelobt, aber eine wurde negativ hervorgehoben: Sie sei zwar sehr hübsch, aber unsympathisch. Auf meine Frage nach dem Grund, erzählten sie mir, dass sie mit einer arroganten, zimperlichen und überhebliche Haltung im Heim ankam. Also die „typische“ oberflächliche Art von Mädchen, die sich über fehlende Hygiene, Essen mit den Händen (ich genieße es jedes Mal so sehr!!) und Staub oder ähnliches mehr als über soziale Missstände aufregen.. Was die antreibt, nach Indien zu gehen und Freiwilligenarbeit zu verrichten, bleibt mir ein Rätsel. Vermutlich aus taktischem Kalkül, um später bessere Jobchancen zu haben? Dieses Mädchen hat allerdings nicht mein Interesse geweckt, sondern eben die Art, wie sie die Haltung einer Freiwilligen wahrnehmen und die Tatsache, dass am Anfang nicht alle aufregend und hübsch aufgrund ihrer Andersartigkeit erscheinen. Jedenfalls bin ich mir fast sicher, dass ich eine solche Haltung nicht ausstrahle.





Nach drei Wochen Aufenthalt beschloss ich, dass es Zeit für die erste Reise war. Als Ziel suchten die andere deutsche Freiwillige und ich uns Jaipur und Udaipur aus, beide im Bundesstaat Rajasthan gelegen. So wie es uns der Reiseführer nahe legte, gingen wir in das International Tourist Bureau im Hauptbahnhof. Doch schon die Reise dorthin stellte sich als schwierig heraus: Dutzende von Männern versuchten uns die unglaublich glaubhafte Geschichte zu verkaufen, dass das Büro seit langem außer Betrieb wäre und dass ihre Reisebüros genauso offiziell und seriös wären... Nachdem wir unseren Weg durch die Touristenjägermenge gebahnt hatten, durften wir in den extra für ungeduldige Ausländer bequemen Sitzen Platz nehmen. Aber auch dort, wo sie aufsässige Touristen gewohnt sein müssten, kann man einen Bahnbeamten aus der Fassung bringen, indem alle beide Reisende das Formular ausfüllen und er aufgrund unterschiedlicher Schrift bei Alter 27 statt 21 Jahre eintippt. Natürlich stellten wir den maßgeblichen Fehler erst nach Druck der Tickets fest, woraufhin eine halbe Stunde verging, in der unser Bahnbeamte bei all seinen Kollegen fluchte und überlegte, ob diese Westler ihn schon wieder über's Ohr hauen wollten..
Das ganze Missgeschick geschah am Dienstag und am Freitag stellte sich heraus, dass es nicht das Einzige seiner Art gewesen sein sollte... Um 8 Uhr morgens, als ich gerade gemütlich meinen heißen Tee herunterschüttete, ruft mich meine Mitreisende verzweifelt an: Statt Samstagmorgen stand Freitagmorgen auf unserem Zugticket, so dass wir sozusagen die richtige Bahn verpasst hatten. Mit drei Paranthas in der Hand in die Metro, Richtung Bahnhof. Einem anderen Bahnbeamten schildern wir die Situation, der Schuldige kann nicht nachgewiesen werden, der Zug ist schon abgefahren, unser Ticket wird nicht ersetzt. Unser eigentliche Zug war mittlerweile schon ausgebucht, so dass wir uns kurzfristig für einen um 17 Uhr am selben Tag entscheiden mussten. Nach Hause gehen, bei der Arbeit anrufen, Sachen packen, schnell zu den Kindern gehen, Sachen nehmen und auf ins Abenteuer.
Unser erster Zug war sehr komfortabel, nicht so voll, wie man es sich vorstellt, keine Menschen saßen aufeinander, keine Menschen saßen auf dem Dach. Dafür gab es kalte Klimaanlage und jede Menge Essensangebot. Im Kontrast zu diesem Komfort zogen draußen die Slums, die um die Stadtgrenzen Delhis verteilt sind, vorbei. Im Stadtzentrum ist man immer dazu geneigt, diese bestehende, auf einem Fleck versammelte Massenarmut zu verdrängen...
Um 11 Uhr abends durften wir dann Jaipur zum ersten Mal erblicken (soweit das bei der Dunkelheit möglich war) und an dieser Stelle darf ich allen einen Rat ans Herzen legen: Sucht niemals spät abends ein Hotel in Indien! Durch kleine Meinungsverschiedenheiten zwischen meiner Mitreisenden und mir landeten wir schließlich in einem recht teuren Hotel (15 Euro für jeden, für Indien sind das stark überteuerte Preise) in der Verbindungsstraße von Bahnhof und Altstadt. Das gemütlichste Bett seit einem Monat und das leckere Frühstück auf der Dachterasse (Hauptstraßenlärm und breakfast included) trösteten etwas über den zu hohen Preis hinweg.
Zuallererst gingen wir auf halbstündige Busfahrt für nur 10 Rupies zum außerhalb gelegenen Amber Fort. Dort sahen wir schon von fernem die prächtigen Umrisse der Ruine und die weltberühmten bemalten Elefanten, die lauffaule Touristen den Hügel bis zum Palast transportieren. So bunt und lebenslustig auch die Bemalungen sein sollen, so unglücklich sahen die Tiere auch aus. Vor einigen Jahren ließ einer seinem Unmut freien Lauf und trat seinen Führer in den Tod, seitdem wird ihnen immerhin eine Mittagspause gegönnt.. Wir gönnten uns eine Portion Sport und meisterten den Aufstieg im schnellen Schritt auf eigenen Füßen. Oben angekommen durften wir Zeuge von Dreharbeiten einer TV-Serie, die sich um einen altindischen Mythos dreht, werden. So unseriös wie es auch aussah, so bekannt scheint sich aber in der ganzen Nation zu sein. Das einzige Geschehen, das wir zu Gesicht bekamen, war ein einsamer Krieger, der rennen und dann in eine kriegerische Pose verfallen musste.. Im Hintergrund versammelten sich hunderte von anderen schön verkleideten Kriegern und ein orange angemalter Elefant..

Nach einer weiteren holperigen Busfahrt (Metro ist deutlich gemütlicher!) kamen wir dann zum berühmten Palast der Winde, der so versetzt wie ein Fächer in dem berühmten Pink-Orange erstrahlt. Auf einer tollen Aussichtsform direkt gegenüber dem Hawa Mahal wurde uns ein leckerer Chai-Tee (und zwar wie wir ihn aus dem Westen kennen, Chai bedeutet in Hindi nämlich nichts anderes als Tee, so dass Chai einfach normaler Schwarztee ist und Chai Masala ist der Chai Tee, den wir ja sozusagen als „Tee Tee“ definieren) serviert.

Ansonsten waren auf den meisten Straßen der Pink City (so wird die Altstadt genannt, da der Anstrich fast aller Häuser seit Jahrhunderten in diesem intensiven Mix aus Pink und Orange geblieben ist) fast nur Touristenjäger unterwegs und es war schwierig, von einem Geschäft ins andere zu kommen und sich dann auch noch davon abzuhalten, sein ganzes Geld dort zu lassen. Bei dem ersten Saft mit 100% Fruchtgehalt konnten wir dann unser Karma extrem aufbessern: Ein Mann mit etwas Deutschkenntnissen hatte unsere Nationalität erkannt und fragte uns daraufhin, ob wir ihm bei einem Brief auf Deutsch an seine Freundin aus Karlsruhe helfen könnten, so dass wir schließlich seine emotionalen (kitschig à la Bollywood) Worte vom Englischen in einen deutschen Brief umwandelten. Man weiß ja nie, inwiefern dieser Beziehung damit geholfen wurde, aber wir haben es gerne gemacht, es hat uns 10 Minuten gekostet und uns nicht geschadet.. Nachdem wir dann auch Straßen in der Pink City fanden, in denen die Atmosphäre von den Bewohnern und nicht von den Touristen und ihren Jägern kreiert wird, konnten wir wenigstens am Abend ein Restaurant unseres Wunsches aufsuchen. Das über einem Hotel gelegene Dachterassenrestaurant vermittelte eine unglaublich schöne, gemütliche „Travelleratmosphäre“. Das Essen war ebenfalls sehr gut, auch wenn die Preise von 2012 (laut Reiseführer: 60 Rs für Thali) bis September 2013 (laut Speisekarte: 180 Rs für Thali) ein kleines bisschen in die Höhe geschossen sind..

In europäischer Hektik hetzten wir schon zwei Stunden vor Abfahrt zum Bahnhof, dort wurde uns als Belohnung einer dieser herrlich indischen Bahnhofszenarien geboten - ganze Familien schlafen auf einer dünnen Baumwolldecke so friedlich, dass man denken könnte, das rege Treiben und die hupenden Züge wären weit, weit weg; die Frauen haben ihre Babies schützend unter die Saris gelegt; Pilger - ob muslimisch oder hinduistisch - schlafen Seite an Seite; Bahnhofverkäufer schieben ihre Wagen voller Chips und Keksen hin und her. Mittendrin treiben sich irgendwo ein paar Polizisten herum, die anscheinend ein besonderes Auge für westliche, weibliche Touristen offen haben. So kamen sie sofort, als sie sahen, dass ein Inder mit uns auf der Bank saß und fragten, ob alles in Ordnung ist.. Mit den Polizisten hier ist das so eine Sache – gegenüber uns sind sie zuvorkommend und immer hilfsbereit, falls es mal Orientierungsprobleme geben sollte, aber gegenüber der eigenen Bevölkerung scheint das teilweise (?) etwas anders auszusehen. So werden Bettler mit Bambusstöcken verjagt und wenn (indische) Frauen in Form von anzüglichen Bemerkungen sexuell belästigt werden - soweit ich das beobachten konnte - wird nicht eingegriffen (sind ja nur Worte..).
Der Nachtzug ähnelte einem Gefängnis für kleine Menschen (Betten natürlich wieder zu kurz), die Fenster waren konstant offen aus dem einfachen Grund, dass es kein Fensterglas gab. Zudem sorgten Ventilatoren für eine angenehme Temperatur. Tasche als Kissen, Jugendherbergsschlafsack als Decke (endlich kommt der mal zum Einsatz!), Füße eingezogen und das Hupen der Züge ignorieren.

20.9.13 07:31


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