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Geduld - Bahai Religion - Delhis "In-Viertel"

 

Genau zwei Wochen vor meinem Abflug durfte ich einen Test unterlaufen, inwieweit ich mich der indischen Geduld angepasst habe.

Nachdem wir um 5 Uhr früh aufgestanden sind, um den Zug um 6:45 Uhr zu erwischen, durften wir feststellen, dass er zwei Stunden Verspätung hatte. Diese Verspätung wurde dann schließlich auf mehr als drei Stunden erhöht, was im Besonderen für mich ärgerlich war, da ich extra so früh aufbrechen wollte, um der für mich letzten Versammlung der internationalen Freiwilligen, die mir beim letzten Mal so viel gebracht hat, um 12 Uhr beiwohnen zu können. Nach der verspäteten Ankunft noch mit das Maß des guten Preises weit überschreitenden Auto-Rikscha Fahrern zu diskutieren und sich dann durch Delhis verkehr, der durch eine immense Masse von aus der Moschee kommenden muslimischen Männern zusätzlich behindert wurde, zu bahnen könnte kein besserer Test für einen Westler sein, ob Geduld à la indischer Manier vorhanden ist. Meine Mitbewohnerin bestätigte mir meine Beobachtung, dass Geduld einer der wichtigsten indischen Werte ist, welcher den Kindern von klein auf vermittelt wird. Bei den zahlreichen Stromausfällen und bei dem in vielen anderen Situationen langsameren indischen Weg bleibt der Bevölkerung nichts anderes übrig. Ein wichtiges indisches Sprichwort, das auch wirklich jeder lebt ist „The fruit of waiting is sweeter“, was ein bisschen an „Vorfreude ist die schönste Freude“ erinnert. Ob die Menschen auch geduldig auf ein besseres Leben, auf Glück warten, ist eine andere Frage, der ich aber auf alle Fälle nachgehen werde.
Ich für meinen Teil überraschte mich jedenfalls selber. Während ich beim Warten unglaublich ungeduldig, wütend auf den Zug und wegen des verpassten Meetings und trotz großer Müdigkeit nicht einmal in der Lage war, von der gewonnen Zeit zum Schlafen zu profitieren, weil ich andauernd auf die Uhr schaute und ganz nach europäischer Manier die Zeit ausrechnete, wurde ich im Zug ungemein gelassen, „akzeptierte mein Schicksal“, regte mich nicht länger auf und nahm das verpasste Meeting als blöden Zwischenfall hin. Also haben die zwei Monate Kontakt mit indischer Gelassenheit ihre kleinen Spuren auf meinem sonst recht ungeduldigen Gemüt hinterlassen.. Früher hätte ich die vier Stunden Zugfahrt nicht den Anflug von guter Laune oder positiven Gefühlen verspüren können, wäre die ganze Zeit grimmig, voller Ärger dort gesessen. Mein Verhalten am Freitag spiegelt also in gewisser Weise indische Gelassenheit wider. Die Frage ist, ob jene unter europäischem Einfluss wieder verfliegt...



Am Donnerstag in Agra bekam ich die Gelegenheit, einen der schlechtesten Bollywoodfilme im Kino zu sehen. (Meine indischen Begleiter waren im Übrigen ähnlich begeistert wie ich, die Filmauswahl wurde bereut.)
Dass Bollywood generell nicht wirklich einen tieferen Sinn haben, war mir ja keine unbekannte Tatsache, aber dieser Film mit einem berühmten und beliebten Schauspieler als Hauptdarsteller, der in seinen Rollen leicht als Idol dienen kann, vermittelte zudem noch immens schlechte moralische Werte.

Das erste Problem, was ich schon einmal in meinem Blogeintrag über Frauen in öffentlichen Plätzen erwähnt habe, ist die Darstellung vom Entstehen einer Beziehung. In diesem Fall sieht der Mann, der seinen Lebensunterhalt mit Autodiebstählen verdient, eine Frau, spricht sie an, wird ignoriert, läuft ihr nach, trifft sie zufällig wieder, weiß nun, wo sie wohnt, kommt ab diesem Zeitpunkt regelmäßig unangekündigt und öfters versteckt zu ihrem Haus (was man durchaus als Stalking bezeichnen kann), besucht sie auf ihrer Arbeit, stiehlt unabsichtlich ihr Auto, macht einen „Roadtrip“ mit ihr, um das Auto wieder zu beschaffen, und schafft es letztendlich, dass die Frau Gefühle für ihn entwickelt, ihn vor seinen Komplizen beschützt und mit ihm eine Beziehung eingeht. Natürlich wird die männliche Hauptperson als charmant dargestellt und am Ende viel Romantik inszeniert, aber prinzipiell könnte man die Lehre aus der Geschichte ziehen, dass penetrantes Erscheinen an Orten, die fest im Alltag der Frau verankert sind (=Stalking), zu einer „Einwilligung“ der Frau und zum Erreichen des Ziels führt. Was denken sich Drehbuchautoren/Produzenten dabei, solche Geschichten in die Welt, in Indien zu setzten?

Das zweite Problem ist die extreme Präsenz und Verharmlosung von Gewalt. Es ist ja üblich, Gewalt in populären Filmen zu verherrlichen, obwohl meist die „Bösen“ damit anfangen. In diesem Film war Gewalt aber in jeder verzwickten Situation die Lösung für den Hauptdarsteller, unschuldige Wachmänner wurden brutal niedergeschlagen und das alles geschah in einer „lustigen“ Inszenierung.


Der Taj Mahal, mehr oder weniger die einzige Sehenswürdigkeit Agras, ist wirklich eine sehr gute Einnahmequelle, einfach durch die Tatsache, dass Ausländer 750 Rupies (was ein Vermögen in Indien ist) und Inder 20 Rupies zahlen müssen. Trotz der großen Menge an indischen Besucher, kommen natürlich auch jede Menge Ausländer, die von einem der bekanntesten Bauwerke und von einem der Weltwunder angelockt wurden. Obwohl wir um 8 Uhr morgens dort waren, war es unheimlich voll und das eigentlich Spannende war, die ausländischen Touristen zu beobachten. Ich finde es immer wieder faszinierend, welche Diversität in Indien sogar unter ausländischen Touristen herrscht. Wenn man etwas verallgemeinert, kann man die meisten in Gruppen einteilen. Da sind zum einen die etwas älteren Menschen, die entweder in einer organisierten Reisegruppe oder als Ehepaar reisen und die – gutgläubig wie ältere Menschen manchmal sind – häufig auf die immer geschickteren, indischen Händler/Rikscha-Fahrer oder Reisebüroarbeiter hereinfallen, mit der Hitze zu kämpfen haben und teurere (für indische Verhältnisse, d.h. Um die 20 Euro) Hotels bevorzugen. In diese Kategorie gehören vermutlich auch die älteren Frauen, die in ausschließlich weiblichen, kleinen Grüppchen verreisen, und die annehmen, sie können sich in Indien besser selbst finden, sich neu kennenlernen und sich frei fühlen. Das ist zugegebenermaßen ein Vorurteil, welches sich aber durch einige Beobachtungen auch bestätigt hat. Dann gibt es die abenteuerlustigen Paare und Familien (obwohl das eher selten ist, bis jetzt habe ich genau eine Familie getroffen bzw. gesehen), die viel wandern, etwas in der Natur unternehmen und sehr bemüht versuchen, etwas über die Kultur herauszufinden und zum Beispiel schlechtes Straßenessen ausprobieren und Gesundheitsprobleme bekommen. Schließlich gibt es noch die jungen Leute, die sich mit Rucksack an das Abenteuer „Indien“ wagen, die in Billigunterkünften von Stadt zu Stadt reisen, die alles ausprobieren und die manchmal als Hippies bezeichnet werden, wenn sie sich dem indischen, relaxten „Way of life“ und der indischen, luftigen und bunten Kleidung anpassen.
Natürlich passt nicht jeder in so eine Kategorie und jeder Indientourist hat sicher seine eigene kleine Geschichte, aber bei jeder Touristenattraktion und in jeder touristisch populären Stadt wird man Menschen sehen, die vom Aussehen und ihrer Art genau in einer dieser drei Kategorien passen.
Zurück zum Taj Mahal – ein faszinierendes Gebäude, aus Liebe für eine der Dutzend Ehefrauen des Moguln-Herrscher entstanden, von Händen erbaut (wer weiß, ob man heute mit all den Maschinen so etwas wunderschönes noch einmal kreieren könnte), die den unterbezahlten Arbeitern nach der Fertigstellung dieses Kunstwerks abgehakt wurden – sie hatten schließlich ihre Aufgabe erfüllt, wozu waren sie jetzt noch wert? Auch mit diesem faden Beigeschmack kann man die Schönheit nicht leugnen, obwohl diese immer noch durch die Umstände gesteigert werden kann – bei Vollmond oder Nebel stimmt die Atmosphäre einfach perfekt. (Das Glück hatte ich natürlich nicht, aber es gab überraschenderweise blauen Himmel, Sonnenschein und Hitze.)


Am Sonntag durfte ich dann endlich den Lotustempel erkunden. Dieser ungewöhnliche, in Form einer Lotusblüte erbaute Tempel ist der Hauptsitz der Angehörigen der Bahai-Religion in Indien. Eine relativ unbekannte Religion mit wenigen Anhängern, aber eine der Religionen, mit der man sich als Atheist am meisten anfreunden kann. Der Fokus liegt auf Einheit. Einheit von Gott, Einheit von Religion und Einheit von Menschlichkeit, wobei mir letzteres am besten gefällt.

Die Bahai's akzeptieren jedenfalls jede Religion und man kann sozusagen Hindu sein, also an die hinduistischen Götter glauben, und gleichzeitig Anhänger der Bahai-Religion sein. Alle Götter seien nur andere Interpretationen des einen, gleichwertigen Gottes, der für alle Menschen dieser Welt verantwortlich ist und somit werden alle Menschen dieser Welt komplett gleichgestellt. Im Tempel selber gibt es außer betenden/meditierenden Menschen kein Zeichen von Religion, keine Darstellung von Gott – alle verschiedenen Formen Gottes respektierend. Diese außergewöhnliche Religion entstand im 19. Jahrhundert durch einen Botschafter, der trotz seines Wohlstands sein ganzes Leben mit der Unterstützung von Armen verbrachte (er wurde „Vater der Armen“ genannt), der immer die Gleichheit aller Menschen betonte und irgendwann die Botschaft Gottes bekam, dass er derjenige ist, der das verbreiten muss und der eine einheitliche Religion, die jeden respektiert, erschaffen muss. Nach ihm kamen noch einige Gurus, die mehr Anhänger für die Religion gewinnen konnte (zu gewissen Epochen wurden sie allerdings auch verfolgt und konnten nicht praktizieren). Prinzipiell hat die Bahai-Religion also eine offene Tür für Gläubige aller Richtungen, sie hat viele soziale Projekte aufgebaut und setzt ihren Fokus vor allem auf Bildung. Als ferneres Ziel haben die Bahai's die Einheit der Welt und somit den Weltfrieden vor Augen. Es ist fraglich, ob die Umsetzung funktionieren würde (es gibt ja immer noch die Atheisten, die in keine Schublade von Glaubensrichtung gesteckt werden könnten), aber der Ansatz ist zumindest erfreulich. Aus Interesse habe ich mir ein kleines Gebetsbuch gekauft, denn auf die Gebete dann wirklich gerichtet sind, sagt meist doch viel über die Religion aus. Es verleiht dem positiven Eindruck, der vermittelt wird, auf alle Fälle Authentizität, wenn für eine bessere Bildung der Kinder gebetet wird...


Im späten Nachmittag wurde mir dann das „In-Viertel“ Delhis gezeigt – Hauz Khas. Es wird als Dorf in der Stadt bezeichnet, hat aber keine Ähnlichkeiten mit den Charakteristiken eines Dorfes: Teure Designerläden, einen friedvollen Park mit historischen Gebäuden, wo sich die trendig junge Elite versammelt und Gitarre spielt, Joints dreht oder Fotoshootings organisiert, und unheimlich viele Cafés und Restaurants. International, ein bisschen indisch, an dem Geschmack der Touristen und der trendig Jungen orientiert. Darunter auch das Kunzum Travel Café, das ein wunderbares Konzept hat. Dieses Konzept würden „Rationale“ möglicherweise als naiv, unmöglich abstempeln, aber wenn man in aller Munde ist, funktioniert es sichtbar einwandfrei. Allen Menschen, egal ob Inder oder Ausländer, ob Tourist oder Einwohner Delhis, wird so viel Kaffee (guter Filterkaffee!) und Cookies (selbst gebacken, nicht zu süß!) - zwei Besonderheiten in Indien – serviert, wie die Gäste wollen. Seinen Aufenthalt kann man damit verbringen, die wunderschöne Fotoserie über Indien zu bewundern oder sich einem der vielen Bücher (meist etwas über Reisen) widmen. Ansonsten kann man natürlich auch nur mit Freunden in den gemütlichen Korbstühlen sitzen und die Atmosphäre genießen. Gezahlt wird nach Wunsch. Menge und Preis nach Wunsch. Dass so etwas in unserer geldgierigen Gesellschaft funktioniert, ist schon allein ein Grund, dorthin zu gehen. Natürlich würde das alles bei niedrigerem Bekanntheitsgrad nicht in dem Maße laufen, aber ein außergewöhnliches Konzept lockt viele interessierte Stimmen, die bei Begeisterung lauter werden und es automatisch weiter vermarkten.

Danach wechselten wir den Ort des Geschehens fast radikal und ich durfte die für mich erste Bar Indiens betreten. Diese gehört zu einer recht bekannten Kette, die ihre „Filialen“ überall in Delhi verteilt hat. Überraschend gemütlich und edel rustikal eingerichtet mit internationaler Chartsmusik (inklusive DJ) konnte man dort durchaus längere Zeit verbringen. Neben elektrisch blauen Cocktails für 2 Euro gab es auch leckere, außergewöhnliche Speisen, wo es natürlich von Vorteil ist, wenn der Barbesuch um halb 7 und nicht um halb 12 wie in Europa stattfindet. Die Gäste waren größtenteils junge Studenten oder wohlhabendere Menschen, die sich mit einem Whiskey vom teuren Einkauf erholten.



In meiner vorletzten Woche (noch 9 Tage!!!) werde ich die schöne Natur in den Bergen mit einer Ekundungstour durch den Exilsitz des Dalai Lamas verbinden und zudem mit einem der berühmten Spielzeugzüge, die sich als einzige einen Weg durch die bergige Landschaft bahnen könne, fahren. Zudem organisieren wir heute im Heim ein kleines Event und zur Feier des Tages werde ich einen (geliehenen) Sari tragen, so dass ich genug Erlebnisse haben werde, um den nächsten Blogeintrag auszufüllen.

16.10.13 09:36
 
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