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Schatzstrand, Produktionsassistentin, Kingston und Religion in Jamaika

 

Am zweiten Arbeitstag hatte mein Chef immer noch kein Interesse an einem Gespräch mit mir, so dass ich selbstständig etwas herumging und mir zeigen ließ, wie man eine Hochzeitssendung bearbeitet/schneidet. Außerdem durfte ich den Produzenten einer Radiosendung über die Schulter schauen und etwas über den Umgang mit Nachrichten (möglichst spektakulär, möglichst keine Politik), Musik (fast alles sehr religiös angehaucht) und Religion (Bibelfakten werden aufgedeckt und Geschichten dazu erzählt) gelernt.
Nach einem Gespräch über Smartphones mit meinen Kollegen wurde ich von einem als Künstlerin bezeichnet, da nur Künstler eine solche Wahrnehmung hätten. Egal zu welchem Punkt es stimmt, es hätte auf alle Fälle keine bessere Motivation geben können. Für die nächste Woche erhoffe ich mir auf alle Fälle, mit den Menschen der Radioproduktion näher zusammenarbeiten zu können, viel schreiben und denken zu dürfen.

Nach meiner Fahrt von der Arbeit zum Zentrum hatte der Taxifahrer kein Wechselgeld und statt mehr von mir zu verlangen (wie es die indischen Rikschafahrer gerne handhaben), schenkte er mir die 20 J $, was nicht unbedingt viel ist, aber die Tat dahinter ist beeindruckend.
Die Großzügigkeit der Jamaikaner ist generell sehr überraschend, wobei manchmal (z.B. bei meinen Gastschwestern) dann auch doppelte Großzügigkeit seitens der Westler im Gegenzug erwartet wird...

Am Freitag fand der allmonatliche Dirty Day statt, an dem alle Volunteers bzw. Praktikanten mehr oder weniger freiwillig gemeinnützige Arbeit verrichten. Diesmal führte uns der gute Wille in ein Altersheim. Altersheime sind ja einfach generell traurig, da dort die Mehrheit auf den Tod wartet und da die Mehrheit unfreiwillig dort ist, etc. Doch das jamaikanische Altenheim war wirklich ein Inbegriff der Traurigkeit und der Horrorvorstellung vor dem Alter – 50 Leute Bett an Bett in einem Raum. Kein Stück Privatsphäre und jedem wird durch diese „Zimmereinteilung“ auch deutlich gemacht, dass er nur einer von vielen ist, nichts besonderes ist. Wenn es kleinere Zimmer geben würden, würde das Personal zu jedem Zimmer einzeln kommen und zwar um sich um die Bewohner dessen zu kümmern, nur um diese Bewohner. Das vermittelt einem wenigstens noch ein kleines Gefühl von Besonderheit. So kommt das Personal in den großen Raum, um alle Bewohner ohne Unterscheidung zu versorgen. Es ist mir klar, dass die Leiter des Heims sich sicher dessen bewusst sind und es gerne anders machen würden, wenn Geld da wäre. Erschreckend ist es trotzdem. Einige Freiwillige wuschen dann Haare, kochten das Mittagsessen, arbeiten im Garten oder kümmerten sich um die Wäsche. Wie gemein es auch klingen mag – glücklicherweise wurden die ganzen Medizinpraktikanten zum Haare waschen eingeteilt und ich kam als Gärtnerin und Wäscherin davon. Wirklich viel hatten wir aber nicht zu tun und wirklich nützlich haben wir uns auch nicht gefühlt, das meiste haben in der Tat die geleistet, die mit den Menschen direkt interagiert haben.

Da Mandeville trotz einiger schönen Plätze ein bisschen ein verschlafener Ort ist, gehen alle Freiwilligen am Wochenende immer in den „Kurzurlaub“. Diesmal fiel die Wahl auf den nahegelegenen „Schatzstrand“ - den Treasure Beach. Mit schwarzem Sandstrand, türkisem Meer und grünen Palmen eroberte dieser schnell mein Herz. Zudem hausten wir in einem Cottage, wo selber gekocht wurde. Beide Nächte wurden am Strand verbracht und mit jamaikanischem Rum und einem großen Feuer (Lagerfeuer ist da nicht mehr der adäquate Begriff) versüßt. Das Feuer wurde von Bewohnern organisiert, die dann im Nachhinein auch umgerechnet 25 Euro verlangten, was nicht allzu tragisch war, da wir vierzehn Menschen waren und es aufteilen konnten, aber da sieht man mal wieder: Immer muss irgendwo Profit herkommen.

Am nächsten Tag fuhren wir per Boot in eine überregional bekannte Bar, deren Besonderheit darin bestand, dass sie mitten im Meer aus Holz erbaut wurde und links, rechts, vorne, hinten nur Meer zu sehen ist. Die Jamaikaner spielten lautstark (und bekifft) Domino, wir genossen die Aussicht und ließen all unsere Sorgen an Land. Wenn du dann in dieser traumhaften Kulisse noch einen singenden Jamaikaner mit typischer Mütze und einem Joint in der Hand vor dir steht, dann steht das Klischee gerade direkt vor einem. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, weil ich immer darauf plädiert habe, dass ich ja genau das Jamaika fern von Klischees erleben möchte, manchmal trifft man die Klischees einfach höchst persönlich und muss zugeben, manches ist wahr!

Nachdem ich das realisiert hatte, war ich reif für die Bootsfahrt zurück, die sich als genauso herausstellte, wie ich sie mir gewünscht hatte: abenteuerlich mit vielen Wellen und rasanten Manövern des Kapitäns..

Am Sonntag durfte ich dann in den Genuss von dem frischsten und fruchtigsten Mangosaft meines Lebens kommen – natürlich direkt am Strand. Bei diesen paradiesischen Zuständen blieben wir aber nicht ungestört. Ein etwas älterer, leicht verstört blickender Mann kam und erzählte uns von einem gängigen Sprichwort in Jamaika: If you are white, you are allright. If you are brown, you get around. If you are black, you stay back. Das hat uns alle erst einmal etwas erschrocken und radikal aus dem Paradies gerissen. Wenn dieses Sprichwort wirklich so gängig ist, wie das der Mann uns berichtete, ist das erschreckend. Neben dem Nationalstolz, dem Betonen der eigenen Identität gibt es also immer noch eigenes Herunterstufen? Diese Begegnung erinnerte mich an eine andere, die nähe meines Arbeitsplatzes bei einer Pause statt fand. Ein alter, auch extrem verwirrt wirkender Mann kam auf einen Freund und mich zu und stammelte „I am black, I am not human“. Wir beteuerten natürlich, dass er genauso ein Mensch wie wir auch sei und dass er stolz auf das sein sollte, was er ist, aber er ließ sich nicht von diesem (durch Drogen hervorgebrachten?) Gedanken abbringen. Diese beiden Begegnungen zeigen wie sehr immer noch die jahrhundertelange Versklavung, Diskriminierung und das Herunterstufen durch Kolonialmächte noch in den Köpfen sitzt. Geschichte lebt.

Mit der durch das wunderbare Wochenende gewonnene Motivation startete ich dann in eine neue Arbeitswoche und glücklicherweise darf ich diesbezüglich auch einige Fortschritte melden. Mein neues Team, die Produzenten von einer Nachmittagsshow im Radio teilte mir einige Aufgaben zu. So durfte ich mir etwas für die „How to ...“-Reihe überlegen und meine Idee und halbfertige Ausformulierung wurde dann letztendlich auch im Radio gespielt. Außerdem konnte ich ihnen mit „History in a moment“ helfen, wo sie aus 180 historischen Ereignissen, die an dem jeweiligen Datum geschehen sind, sechs vielfältige und interessante herauspicken müssen. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört, aber macht (mir zumindest) unheimlich viel Spaß.
Außerdem hatte ich außergewöhnlich viele nette Unterhaltungen mit meinen beiden Kollegen, mit denen ich mich wirklich außerordentlich gut verstehe und mit denen ich auch mal hitzig diskutieren kann, sowie mit einem Mann, den ich vorher noch nie gesehen hatte und mit dem ich auf Anhieb über Politik sprechen konnte. So erzählte er mir, dass ähnlich wie in Indien, viele junge Leute in Jamaika die Hoffnung in die Regierung und in die Politik im Allgemeinen aufgrund von Korruption aufgegeben hatten. Er selber studiert momentan Wirtschaft und möchte danach noch ein Jurastudium absolvieren. Sein Berufswunsch ist aber weder Geschäftsmann noch Jurist sondern – oh siehe da – Politiker. Das Interessante ist auch, dass er eine Art politischen Club der Universität leitet und mich dazu eingeladen hat. Jeden Dienstag findet eine Versammlung statt und ich hoffe sehr, dass ich ihn vor nächstem Dienstag nochmal antreffe, so dass ich daran teilnehmen kann. Die Einladung für letzten Dienstag (also der 20.11.) musste ich nämlich leider ablehnen, da ich zu meinem ersten Outside Broadcast mitgenommen wurde. Ein schöner Ersatz und es war auch schön zu sehen, wie sehr sich meine beiden Kollegen dafür eingesetzt haben, dass ich mitkommen durfte. Das Sahnehäubchen war, dass es nach Kingston ging – die vibrierende Hauptstadt Jamaikas. Endlich wieder richtig viel Leben auf den Straßen, als ich das erblickte, musste ich sehnsüchtig an Delhi denken. Überhaupt wird mir erst hier klar, wie sehr ich eigentlich Delhi und Indien vermisse. Aber nicht auf so eine schlechte Weise, dass ich Jamaika und das Hier und Jetzt nicht genießen könnte und traurig wäre, sondern auf eine Art, dass ich unheimlich gerne an die Zeit und mein Leben dort zurück denke, dass ich liebend gerne in ein indisches Restaurant gehen würde und dass ich mich auf das nächste Mal Indien, wann auch immer das sein mag, freue. Genug zu Indien, zurück zu Kingston. Neben dem zu erwartenden Trubel hat mich eine Tatsache sehr überrascht: Ein Stück Belgien ist dort sehr präsent... Schon als ich den ersten Bus erblickte, kam er mir sehr vertraut war und beim genaueren Hinschauen sah ich die belgische Flagge und ein Made in Belgium. Wer hätte gedacht, dass in Jamaikas Hauptstadt die gleichen Busse wie in Belgien herumfahren? Manchmal ist Globalisierung einfach überraschend. Und wäre das nicht schon mysteriös genug, der Busbahnhof ähnelt dem Bahnhof in Liège von Form und Struktur sehr stark. Alle, die den Bahnhof in Liège kennen, wissen, dass er eigentlich ziemlich einzigartig aussieht. Natürlich ist die Architektur in Kingston nicht so detailreich, nicht so fein und es ist nicht komplett das selbe, aber die Ähnlichkeit ist verblüffend und als ich inmitten dieses Busbahnhofs stand, fühlte ich mich wie in mein belgisches Leben versetzt. Genug zu Belgien (zu viele Länder in meinem Herzen), zurück zu Kingston und meiner Arbeit dort. Mein Kollege verlieh mir kurzerhand den Titel „Produktionsassistentin“, in der Praxis umgesetzt hieß das, dass ich Interviewpartner suchen und dafür sorgen musste, dass sie pünktlich zur Befragung erscheinen, sowie in Kenntnis bringen, worüber sie reden möchten, wer sie sind und wo man folglich den Fokus des Interviews setzen könnte. Jamaika wäre nicht Jamaika, wenn alles nach dem strukturierten Interviewplan verlaufen wäre. Mit großer Verspätung, Verschiebung und dem Ersetzen von nicht erschienenen Personen durch nicht aufgelistete, aber interessante Personen verlief dann innerhalb von über drei Stunden alles relativ gut. Das ganze Event fand im Nelson Mandela Park statt und wurde zum Anlass des World Day from prevention of child abuse veranstaltet. Die Interviews und das Thema waren wirklich interessant, vor allem weil es ja prinzipiell auch um Entwicklungshilfe ging. Entwicklung eines Landes durch Kinder. Kinder sind die Zukunft des Landes. In dem Sinne müssen sie natürlich doppelt beschützt und umsorgt werden. Am Abend fand dann das richtige Event statt, bei dem viele Reden (alles schon bei unseren Interviews gehört) geschwungen wurde, einige eher langweilige Aufführungen präsentiert wurden, aber bei dem auch einige spektakuläre Auftritte ihren Platz hatten. So tanzten taube Kinder und ein Chor aus blinden Kindern sang. Bei letzterem stach vor allem ein kleiner, unscheinbarer Junge heraus, der mit einer unglaublichen Stimme Jubelschrei und Tränen vor Rührung im Publikum auslöste. Die Jubelschreie blieben auf gleichem Niveau, als fünf berühmte Gospelstars ihre Auftritte hatten, die Leute sprangen aus den Sitzen, tanzten und sangen aus vollem Halse mit – so wie man sich das vorstellt.
Natürlich waren die Liedtexte alle hundertprozentig religiös geprägt, obwohl „geprägt“ noch zu wenig ist, man müsste eher sagen, dass die Texte Religion als ihren Ursprung hatten. Daran sieht man sehr gut die komplett andere Handhabung von Religion in Jamaika.

Zum einen ist das dieser starke Enthusiasmus, den schon Kinder in sich haben (meine fünfjährige Gastschwester sagte letztens zu mir „Jesus loves you&ldquo, der die Leute aus den Sitzen reißt und der Menschen bei der Arbeit vereint und motiviert (zwei religiöse Lieder am Morgen gehören zum Arbeitsalltag an meinem Arbeitsplatz). Der Enthusiasmus ist mit starker Euphorie verbunden, Euphorie über Gottes/Jesus' Liebe und Euphorie über die Allmächtigkeit Gottes, welche schnell zur blinden Euphorie werden kann, die beispielsweise keine anderen Religionen mehr neben sich duldet. Jeden Morgen werden bei meiner Arbeit auch religiöse Themen behandelt und eines Tages wurde dort eben „festgestellt“, dass alle Religionen, die die Einzigartigkeit, die den einen Gott leugnen, von Satan abstammen und folglich „böse“ in den Augen der Vertreter dieser Theorie sind. Diese Diskussionen und Erörterungen religiöser Fragen zeigt aber auch einen anderen Aspekt der Religion in Jamaika: Intellektualität. Die Worte bedacht gewählt entstehen niveauvolle Gespräche, auch wenn sie meiner Meinung nach trotz der offensichtlichen Intelligenz aller Beteiligten von der „Liebe Gottes“ geblendet werden.
Bei einem Thema wird Jamaika auf alle Fälle geblendet und hört mehr auf Gott als auf den gesunden Menschenverstand: Bei Homosexualität. Es ist nicht nur ein Tabuthema, sondern auch illegal und wird strafrechtlich verfolgt. Als ich mit meinem liberalen, aufgeschlossenen und aufgeklärten Kollegen die historischen Ereignisse durchging und wir auf eines, das mit der Akzeptanz von Homosexualität zusammenhing, stießen, sagte er: „Wenn Gott Nein dazu sagt, dann ist es falsch.“


So viel dazu. In der Zwischenzeit begebe ich mich weiter auf die Entdeckungsreise durch die jamaikanische Kultur. Selbstverständlich im Alltag und am Wochenende geht es dann in dem berühmten Touristenort Negril weiter.

21.11.13 14:33
 
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