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Großzügigkeit, Politik und Zensur in Jamaika

 

Nachdem wir von unserem Ausflug zurück gekommen waren, durfte ich zwei wunderbare Stunden im riesigen Supermarkt als Babysitterin für meine drei Gastschwestern sowie deren Cousins verbringen. Mein durch Müdigkeit geschwächter Körper durfte also Kindern hinterher rennen und zwölf Hände gleichzeitig davon abbringen, etwas kaputt zu machen. Nebenbei wurde mir wieder die extreme materielle Orientierung der Kinder hier vor Auge geführt – meine 10-jährige Gastschwester hat übrigens letztens ein 150 Euro teures Gameboy geschenkt bekommen (vermutlich von dem Geld, was wir den Gastfamilien zahlen) und das sonst so gesprächige und aufgeweckte Mädchen isoliert sich jetzt vollkommen mit ihrem neuen Spielzeug. Die pädagogisch großartigen Effekte eines Gameboys... Liebe Eltern, danke, dass ich nie eines hatte!
Zurück zum Supermarkt: Etwas positives habe ich gesehen – es gibt dunkelhäutige Barbies. Natürlich auch blonde, aber in Indien beispielsweise waren das die Einzigen, die in den Läden erhältlich waren.
À propos Indien.. Im Supermarkt habe ich eine indische Familie gesehen. Endlich! Endlich bekomme ich mal einen Teil der angeblich so großen indischen Bevölkerung zu Gesicht! Ich vermisse Indien. Und zwar mehr, als ich es in meinen 2 Wochen Deutschland vermisst habe. Ich vergleiche einfach alles hier mit Indien und obwohl manches hier aus einer objektiven Perspektive „besser“ ist, fehlt mir Indien. Mir fehlt das Essen, mein Freundeskreis, die manchmal fast eklige Atmosphäre auf den Straßen, die Großzügigkeit und die religiöse Vielfalt.

Die letzten beiden Punkte werde ich hier mal etwas genauer ausführen – auch im Bezug auf Jamaika.

Großzügigkeit. In einem Blogeintrag über Indien habe ich diesen wichtigen Wert der Gesellschaft mal angesprochen, in Kurzform könnte man sagen, dass einfach jeder, egal welches Alter oder egal welche gesellschaftliche Stellung, alles, vom Apfel über die Flasche Wasser bis zum Lieblingsschokoriegel, teilt. Es wirkt so, als ob jeder ein schlechtes Gewissen hätte, sobald man etwas hat, was der andere nicht hat. So werden Kaugummis gedrittelt, damit alle etwas abbekommen. Aber es macht doch Sinn, ich glaube, jeder kennt den Moment, wenn man sich nach etwas verzehrt, dass der andere gerade isst. Ich erinnere mich noch sehr genau, wenn in der Schulpause sich jemand eine ofenfrische Brezel gekauft hat und die dann vor meinen Augen gegessen hat! Da erscheint es doch nur logisch und fair, immer alles anzubieten. Wenn man bedenkt, dass ich die Logik hinter diesen Wertes so sehr vertieft habe, dass ich mir es selber auch vermehrt angewöhnt habe und dass ich es nun als extrem unhöflich empfinde, wenn Leute etwas essen/trinken und es nicht einmal anbieten, erkennt man, dass ich mich an diesen Wert der indischen Gesellschaft sehr schnell gewöhnt habe und ihn in meinem Handeln und Denken vertieft habe.

Religiöse Vielfalt. In Indien konntest du leichthin sagen, dass du nicht christlich bist. Das wurde akzeptiert und solange man bestätigt, dass man an irgendetwas glaubt, waren alle zufrieden. Die Vielfalt der Religionen wurde akzeptiert und geschätzt. Hier wird bei den morgendlichen Gotteslobgesängen/Gottesgesprächen festgestellt, dass Leute, die unwissend über die Existenz Gottes und Jesus' waren und sich deshalb einem anderen Glauben zugewandt haben, trotzdem in den Himmel kommen und nur, die sich bewusst gegen Gott gewandt und dem Teufel, dem Feind, zugewandt haben, in der Hölle landen. Ganz kurz war ich davor, in die Runde zu fragen, ob eine Person, die unheimlich viel Gutes für die Menschheit getan hat (z.B. in der Entwicklungshilfe), aber trotzdem bewusst nicht an Gott glaubt, auch in der Hölle landen würde. Würde dann der Glaube an Gott höher gewertet als die Taten für die Menschheit? Würde Gott höher als die Menschheit gewertet und dieser guten Person das ewige Leben verwehrt? Es ist nicht so, dass ich mir die Frage stelle, da ich ja nicht an das Himmel-Hölle-Prinzip glaube, aber mich würde brennend interessieren, was Leute, die daran mehr als alles andere glauben, sagen würden... Werden gute und schlechte Menschen nur nach dem Glauben an Gott unterschieden? Kann jemand, der bewusst nicht an Gott glaubt, kein guter Mensch sein? Vielleicht traue ich mich einmal, diese Fragen gegen Ende zu stellen. Nach fast drei Wochen muss ich jedenfalls sagen, dass mir diese übertriebene Euphorie und Blindheit gegenüber Religion extrem auf die Nerven geht. Indien ist ein extrem religiöses Land, aber Religion wird keinem aufgezwungen durch beispielsweise tägliche Gotteslobgesänge auf der Arbeit, da man weiß, dass Akzeptanz und Respekt gegenüber anderen Glaubensvorstellungen wichtig sind.

Montag- und Mittwochabend kam dann die ersten Momente des Abschieds. Gleich drei Freiwillige reisten ab und drei folgen noch dieses Wochenende. Es ist ein Kommen und Gehen hier, aber in letzter Zeit wohl eher ein Gehen. Das lässt einen realisieren, wie schnell man sich an sein neues Umfeld gewöhnt, wie schnell man Menschen in sein Herz schließt, obwohl man sie doch erst zwei Wochen kennt und noch nicht einmal jeden Tag mit ihnen verbringt. Es ist jedenfalls traurig, dass alle, mit denen ich mich schon etwas angefreundet habe, recht bald gehen. Das schöne ist aber, dass man Kontakte überall auf der Welt knüpfen kann und sein internationales Umfeld erweitert...



Politik in Jamaika. Generell kann man sagen, dass das britische Regierungssystem mehr oder weniger übernommen wurde und dass es zwei wichtige Parteien gibt (also ähnlich wie in den USA). Die konservative, Mitte-rechts orientierte nennt sich komischerweise Jamaica Labour Party und die demokratisch-sozialistische nennt sich People's National Party. Zudem gibt es natürlich einige kleine Parteien, darunter auch eine Partei der Rastafaris.
Dienstag hatte ich dann jedenfalls die Gelegenheit, einen relativ wichtigen Politiker Jamaikas zu treffen. Mein Kollege nahm mich wie versprochen zu der Gesprächsrunde mit, die anscheinend nur für wichtige oder für interessierte (?) Menschen reserviert war: Mich eingeschlossen waren wir nur sieben. Was ich davor nicht wusste, bei meinem Kollegen handelt es sich nicht um den Leiter eines Clubs für politisch Interessierte, sondern um den Leiter eines Clubs für Anhänger der Jamaica Labour Party, der konservativen Partei Jamaika. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich nicht mitgegangen.. Nein, gerade wenn man unterschiedliche Meinungen hat, kann so etwas trotzdem sehr interessant sein, außerdem würde es mir einen Einblick in die politische Landschaft Jamaikas gewähren. Bevor der gute Mann mit seinen Tipps/Ratschlägen/Erzählungen für seine potentiellen Nachfolger anfing, unterhielt er sich kurz mit mir. Bald kamen wir auf Angela Merkel zu sprechen, ich erklärte ihm, warum ich sie nicht mochte, erwähnte unter anderem die Energiewende, ihr Handeln in der europäischen Wirtschaftskrise, die Flüchtlingsproblematik sowie die „Herdprämie“. In unserem Gespräch sollte er nicht wirklich darauf eingehen, aber in seinen späteren Erzählungen würde er sich darauf beziehen.
Ich habe jedenfalls sehr journalistisch mitgeschrieben und fasse mal einige Aussagen inklusive Kritik bzw. Interpretation zusammen.

Zum einen betonte er: „Democracy is built on majority“. Dem kann man nun prinzipiell nicht widersprechen, aber was für Konsequenzen der Mann daraus zog, fand ich teilweise ziemlich erschreckend.
Sein „Geheimnis“ besteht darin, einflussreiche Personen zu identifizieren, sich ihnen anzunähern, ihn den ein oder anderen Gefallen zu tun, somit mit ihnen auf gutem Fuß zu stehen, so dass sie dann ihren „Einflussbereich“ auf die „richtige“ politische Seite ziehen. Er riet den Studenten, ein ähnliches Verfahren auf ihrem Campus anzuwenden: Sie sollten doch andere Studenten (bevorzugt mit schwacher Meinung – das hat er nicht gesagt, aber das ist die logische Konsequenz) einfach ansprechen, lockere (banale) Unterhaltungen führen, sich mit ihnen verabreden, eine Art Freundschaft aufbauen und wenn das alles geschehen ist, sie politisch beeinflussen, d.h. ihnen nach und nach mit genügend Taktgefühl klarmachen, welche Partei sie zu wählen haben. Die Teilnehmer der „Gesprächsrunde“ nickten zustimmend und begeistert, natürlich – es klingt nach einem rationalen, intelligenten und gut in die Tat umsetzbarem Plan, aber wo wurde da die Moral gelassen? Hypokritische Vorgehensweise scheint hier als normal angesehen zu werden und Politik wird nur als Machtkampf, als ein falscher Machtkampf ausgeführt mit den falschen Mittelnd definiert. Die eigene Macht ist anscheinend wichtiger als der Zustand des eigenen Landes. Leute werden durch Manipulation und nicht durch Ideen, Werte und Taten überzeugt. Kein Wunder, dass die jamaikanische Jugend die Zukunft nicht in der Politik sieht...
Und liegt der der Grund für die Ignoranz von Homosexualität und Umwelt bei dem Mehrheitssystem? Der Wille von einflussreiche Institutionen (Kirche und wichtige wirtschaftliche &hellip scheint essentieller als der Schutz wehrloser Gruppen (Homosexuelle und die Natur) bei Entscheidungen...

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, durfte ich die Brüderle-Affäre auf Jamaikanisch hautnah (im wahrsten Sinne des Wortes) miterleben. Obwohl wir sichtbar anderer Meinung waren, schien der Politiker Gefallen an mir zu finden und küsste mich am Ende zum Abschied auf die Wange. Das war es zwar schon und es standen vermutlich auch keine anderen Absichten dahinter, aber trotzdem steht das abseits aller Normen. Ein direkter Kuss auf die Wange ist sicher kein Teil der jamaikanischen Kultur – im Gegenteil: Bei solchen Sachen ist man eher reserviert. Und ich glaube, das muss ich gar nicht weiter ausführen, dass so etwas nicht in Ordnung ist, versteht sich eigentlich von selbst.



Mittlerweile bin ich bei der Arbeit ganz alleine für das Programm „History in a Moment“ zuständig und darf also aus knapp zweihundert Ereignissen, die am jeweiligen Datum in den vergangenen Jahren geschehen sind, sechs auswählen und ggf. erläutern. Das macht mir theoretisch wirklich Spaß, aber dadurch, dass ich in einer Seventh-Day-Adventist-Institution arbeite, bin ich bei der Auswahl nicht wirklich frei und das stört mich gewaltig. Es gibt viele Tabus, die zu beachten sind. So darf man beispielsweise keine Getränke, die Koffein enthalten, keine Filme, kein Weihnachten und keine Gewalt erwähnen. Ersteres kam erst einmal vor und konnte recht gut mit „Heißgetränk“ umgangen werden, zweiteres verhinderte die Erwähnung der Ersterscheinung und Entstehungsgeschichte des Buches (!) „Alice im Wunderland“, drittes verhinderte die Erwähnung der Ersterscheinung und Entstehungsgeschichte des Liedes „Rudolph, the red-nosed reindeer“. Damit kann man klar kommen, obwohl es immer schwieriger wird, etwas halbwegs Interessantes zu finden. Das letzte Tabu allerdings ist das Gewichtigste. Die wichtigsten Ereignisse bzw. die Ereignisse, die man nicht vergessen sollte, damit sie nicht wieder passieren, haben nun mal oft was mit Gewalt zu tun und bei „unserer Geschichte“ im Radio werden sie einfach ausgelassen – der negative Teil der Geschichte einfach gelöscht. Ich akzeptiere ja, dass sie kein Koffein zu sich nehmen, kein Weihnachten feiern, etc. Aber man kann sich doch nicht vor den Tatsachen verstecken und die der Realität einfach wegnehmen? Man kann sich vor allem nicht vor historischen Ereignissen verstecken, die passiert sind, die etwas mit Gewalt zu tun hatten und die nicht vergessen werden dürfen. Meiner Meinung nach hat diese religiöse Zensur, die ständig präsent ist, jedenfalls rein gar nichts mit Pressefreiheit zu tun.



Am Wochenende ging es dann zum zweiten Mal nach Treasure Beach, was diesmal für mich eher die Krankenstation als ein Abenteuer war. Es gibt allerdings keinen besseren Ort, eine Erkältung auszukurieren, als eine Hängematte im Schatten mit Blick auf den Strand, dem Meeresrauschen im Hintergrund und einem frisch gepressten Saft in der Hand. Nachdem ich Freitagabend wegen meines Zustandes leider nicht auf das Reggae-Konzert gehen konnte, die meisten Samstag schon wieder abreisten und nur eine kleine Gruppe zurückblieb, fühlte es sich auch zum ersten Mal wie Urlaub und nicht wie eine Klassenfahrt an...



Ich hoffe, meine Gesundheit gibt sich so bald wie möglich einen Ruck, damit ich mich wieder in die jamaikanische Welt stürzen und darüber schreiben kann..

Fröhlichen ersten Advent übrigens, die ersten Weihnachtslieder werden auch hier schon gespielt...



2.12.13 21:36
 
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