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Waisenhäuser und Kingston

 

Am Anfang der Woche durfte ich mit auf zwei Outside Broadcasts der besonderen Art: Ein Besuch in einem Waisenhaus. Anlässlich Weihnachten (was komisch ist, da Weihnachten im Glauben der Institution eigentlich ignoriert und vor allem nicht gefeiert wird) gibt es eine Serie von Outside Broadcasts, bei denen Kindern aus verschiedenen Waisenhäusern eine Freude gemacht werden soll. Dabei wurde Eis und Kuchen verschenkt und im Gegenzug dazu sollten die Kinder Weihnachtslieder für das Radio singen.

Montags ging es in ein Waisenhaus, in dem 22 Jungen lebten. Schnell kamen wir in Kontakt mit den Kindern, spielten Armdrücken und unterhielten uns. Viele waren einfach normale, pubertierende Jungen, einige zeigten im Gespräch und im Umgang allerdings erschreckende Aggressionen. So wollten etliche Soldat werden, behandelten die Tiere (Ziegen und Hasen) mit einer harten Hand und das ganze gipfelte sich, als wir einen gefährlichen Streit beobachten durften/mussten. Alle waren im Speisesaal versammelt, als plötzlich aus der einen Tür ein 17-jähriger Junge mit einem Brett in der Hand herein rannte und auf einen Altersgenossen losging. Es entwickelte sich eine handfeste Schlägerei, die grausam mit anzusehen war. Das Radioteam wurde samt Equipment in der Küche eingeschlossen, was die Angst nur noch vergrößerte. Während wir das Geschehen von drinnen beobachteten, liefen die kleineren Kinder ungesichert draußen herum und waren auf sich allein gestellt... Nachdem irgendwann noch ein dritter involviert war, die „Waffen“ größer wurden und das Ganze kurz vor der endgültigen Eskalation stand, kamen die männlichen Autoritätspersonen und griffen ein (zupacken und einschließen). Das war wirklich ein Schockmoment für uns, für das Radioteam, aber nachdem die Kinder und die Angestellten des Heims so abgeklärt reagiert hatten, fragte ich vorsichtig nach, ob das öfters passieren würde. „Fast jeden Tag“ war die traurige Antwort. Aber wenn man etwas länger darüber nachdenkt, ist es nicht wirklich verwunderlich: Mit 18 Jahren müssen die Kinder raus aus dem Heim, raus in die grausame Welt. Ihnen wird der Wohnsitz genommen, den sie vielleicht als ihr Zuhause bezeichnen konnten. Wenn sie dort weg müssen, haben sie vermutlich niemanden, der ihnen tatkräftig unter die Arme greift, wie das eine Familie, wie das Eltern machen würden. In diesem Alter realisieren sie wahrscheinlich sowieso langsam ihre Situation, ihr Leben und ihre Nachteile. Sie haben Selbstzweifel und kaum Halt und dann wird ihnen der Boden im wahrsten Sinne des Wortes unter den Füßen weggerissen. Es ist klar, dass sich dann die Stimmung auflädt. Vor allem unter Gleichaltrigen, die wahrscheinlich alle die gleichen Sorgen und Zweifel in sich tragen, sie nach außen aber verbergen und mit Händen und Worten stark werden wollen. Irgendwann wird die Frustration dann in Gewalt übertragen und solche Szenen entstehen...

Abends feierten wir den letzten Abend eines Freiwilligen und hielten uns nach einiger Zeit bei der Essensmeile, die wir sonst immer nach der Arbeit nutzen, auf und spielten ein Trinkspiel, das einen Ball und viel Platz benötigte. Nachdem der ein oder andere die Toilette benutzen hätte müssen, durften wir feststellen, dass diese bereits geschlossen waren. Als sich schon Verzweiflung breit machte, wurden wir von Nettigkeit überrascht. Die Security-Lady bot uns an, die Toiletten aufzuschließen und meinte mit einem Lachen, dass sie genau wüsste, dass Bier einem nach einer Weile immer den Weg dorthin weisen würde. Sie sperrte auf, ein erstes Mal, ein zweites Mal, ein drittes Mal, ein viertes Mal. Und immer mit einem Lächeln im Gesicht. Das hat mich schon sehr überrascht – ist denn Sicherheitspersonal normalerweise nicht für Griesgrämigkeit und miese Laune bekannt? Ich weiß nicht, ob das jamaikanische Sicherheitspersonal generell so warmherzig wie unsere Security Lady ist, aber ich mag es jedenfalls, positiv von einem Land und seinen Leuten zu überrascht werden!

Dienstags ging es mit der Arbeit in das nächste Waisenhaus, das ganz andere Dimensionen bereithielt: eine riesige Anlage mit integriertem Schweine- und Hühnerstall und außerdem über 60 Kinder beider Geschlechter. Auch die Atmosphäre erschien mir anders. Vielleicht lag es daran, dass die Kinder bereitwillig und fröhlich ihre einstudierten Lieder vortrugen. Vielleicht lag es daran, dass es mehr kleine und somit unbeschwertere Kinder gab. Während einer Singpause gaben die Mitarbeiter des Radioteams den Kindern etwas auf den Weg, zum Beispiel durch eine anschauliche Geschichte. Eine schöne Idee. Aber eine Mitarbeiterin stach mit einer denkwürdig bizarren Geschichte heraus. Es handelte sich dabei um einen schwarzen Esel, der lieber weiß sein wollte. Die Farben kamen in jedem Satz mindestens einmal vor und bei jeder weiteren Erwähnung schauten mein australischer Kollege und ich uns ungläubig an. Das klang alles viel zu rassistisch, die Farben wurden zu sehr betont. Warum konnte der Esel nicht blau sein und wäre lieber pink? Da würde sich niemand angegriffen fühlen, da könnte man keine Parallelen heraushören. Die Moral der Geschichte war, dass das Aussehen nicht zählte. Eine Botschaft gegen Rassismus? Naja, so wie sie erzählt wurde, wurde einfach kontinuierlich der Unterschied hervorgehoben.
Ein großes Zeichen mit dem Namen meiner Organisation stand gleich am Eingang. Früher arbeiteten regelmäßig Freiwillige dort. Ein Mädchen erzählte mir allerdings, dass alle weißen Leute, die sie bisher kennengelernt hatte, nervig und eklig gewesen waren. Was haben sich da die Freiwilligen geleistet? Oder sind sie nur dem Wunsch nach Geschenken und Süßigkeiten nicht nachgekommen? (Das deutete zumindest eine Aussage an...)

Am Donnerstag widerfuhr mir eine Begegnung der besonderen Art. Alleine saß ich mit meinem Computer an der Essensmeile, als ein Jamaikaner ankam und sich kurz mit mir unterhielt (das ist nichts besonderes, sondern Alltag). Er war nicht wirklich nervig oder aufdringlich, was schon überraschend genug war, aber es kam noch besser, als fünf Jamaikanerinnen auf ihn zu gerannt kamen und jede einzeln ein Foto mit ihm haben wollte. Also nahm ich logischerweise an, dass er irgendwie berühmt sein musste. Es ging aber noch weiter mit den Überraschungen: Er fragte mich, ob ich etwas zu essen wollte und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kostenloses Essen nie ablehnen würde. Er bestellte also ein Gericht und eine Flasche Wasser, wollte danach aber nicht was weiß ich im Gegenzug, sondern ging nach der Bestellung und Bezahlung. Was hab ich mich gefreut!

Nach zwei Tagen „normaler“ Arbeit im Büro landete ich am Freitag durch Zufall wieder in einem Waisenhaus. Wegen komplett fehlgeschlagener Kommunikation seitens der Organisation, verbrachte ich spontan 3 Stunden in dem Heim, in dem alle Freiwilligen arbeiten. Es beherbergte vor allem Kinder unter fünf Jahren, was sich als relativ anstrengend herausstellte. Ich durfte ein fünf Tage altes Baby im Arm halten und die Flasche geben. So unfassbar süß es auch war, so traurig ist es, dass es im Heim wirklich regeelmäßig Neuzugänge gibt. Es ist erschreckend, wie viele Waisen es in Jamaika gibt. Das ist im jeden Fall ein Indikator dafür, dass es wirklich noch ein Entwicklungsland ist und viele Probleme überwunden werden müssen.
Was auch erschreckend ist, wie wenig die Arbeit der Frauen, die dort 24 Stunden pro Tag ohne Pause arbeiten, geschätzt und somit bezahlt wird. Sie bekommen umgerechnet nur 50-60 Euro die Woche. Umso bewundernswerter ist ihre echte Zuneigung und Widmung gegenüber der Kinder.


Anschließend verbrachten wir das erste Wochenende ohne Strand. Kingston. Das kam vor allem wegen des Major Lazer und Skrillex Konzerts am Freitagabend zustande. Für europäische Verhältnisse war der Preis grandios: Umgerechnet 22 Euro für das Konzert mit Weltstars und für Freigetränke! Interessant war das Publikum. Es zeigte sich das junge Jamaika, das westlich oder manchmal übertrieben westlich gekleidete Jamaika. Die vielfältigen Ethnien waren ebenso faszinierend, viel asiatischer (chinesischer und indischer) Einfluss. Diese Beobachtung passt gut zu dem neuen jamaikanischen Liebling: Eine chinesisch-jamaikanische Sängerin hat die US-amerikanische Sendung The Voice gewonnen und wird nun überall gefeiert, obwohl man mit ungeübten Blick nicht unbedingt vermuten würde, dass sie aus Jamaika kommt.

Nebenbei durften wir in Kingston das wohl einzige Hostel in Jamaika kennenlernen. Es war genauso gestaltet, wie man sich das als junger/Rucksack-Tourist wünscht: Sehr nettes und hilfreiches Personal, saubere, einfache Zimmer (aber sogar mit Klimaanlage), saubere Gemeinschaftsbäder, ein Computer, eine Bücherei, im Preis mit inbegriffenes Frühstück und kostenlos erhältlicher Kaffee den ganzen Tag über und nette, weltoffene Menschen. Ich wollte sowieso meine letzten Tage in Kingston verbringen, um noch ein kleines Kulturprogramm zu verfolgen, und dieses Hostel hat meinen Plan bekräftigt.

Am Samstag besuchten wir das unverzichtbare Bob Marley Museum. Ich erwartete nicht allzu viel, meine Erwartungen wurden auf alle Fälle übertroffen: Eine gute Führung (eine Stunde lang) begleitete uns durch das relativ kleine Originalhaus. An jeder Ecke wurde eine besondere Geschichte erzählt, manche Räume waren noch original erhalten so wie die Küche und das Schlafzimmer. Die pure Authentizität vermittelte einen echt guten Eindruck von seinem Leben und lehrte vor allem mir, die wirklich nicht bestens informiert war, viele neue Sachen.

Als wir einen Minibus für Mandeville nehmen wollten, mussten wir am Downtown-Busstand warten. Dieser war dreckig, wuselig, authentisch und voller interessanter und teilweise ekliger Menschen. Aber so etwas und ganz Kingston habe ich genossen – endlich mal kein Wochenende voller Strandtage, voller Nichtstun und ohne Kultur, dafür mit umso mehr Touristen. Einfach nur authentisches Jamaika, das wir ja eigentlich auch in unserem Mandeville vorfinden, wobei Kingston einfach viel mehr Kultur und interessantes Programm zu bieten hat!

Samstagabend feierten wir dann in eben diesem Mandeville den letzten Abend eines Freundes. Da die curfew am Wochenende nicht um 22h30 sondern um 1h30 festgesetzt ist, durfte/musste ich dann zum ersten Mal ein Taxi nach 12 Uhr nehmen. Ein von der Organisation nicht empfohlenes (verbotenes) White Plate Taxi (die offiziellen, die zugelassenen haben immer ein rotes Nummernschild) war die einzige Möglichkeit wie es meistens auch schon nach 10 Uhr abends der Fall ist. Drei Stunden später dauerte es nur deutlich länger das Taxi zu füllen und ich musste 20 Minuten mit nur einem anderen Mitfahrer warten. Letzterer war sichtbar betrunken/bekifft/beides und spuckte kontinuierlich in das Taxi. Mit so etwas fühlt man sich um diese Zeit wirklich wohl und behaglich!

Am Sonntag machte ich mich im größten Supermarkt auf Suche nach Weihnachtsgeschenken. Ich dachte an ein Gesellschaftsspiel für die ganze Familie, weil statt einem Spiel oder einer Unterhaltung meistens der Fernseher alle versammelt, aber die Preise machten mir einen Strich durch die Rechnung: Alles war verdammt teuer. Schon ein einfaches Kartenspiel kostete 8 € und ein normales Monopoly 25 €... Glücklicherweise fand ich mehr oder weniger akzeptable Alternativen.

Abends waren wir für den letzten Abend zu viert in einer der Stammbars der Freiwilligen, die eigentlich nur aus einer kleinen Hütte auf einem Grundstück besteht. Das ist jetzt eigentlich nichts besonderes, weil wir dort mindestens einmal in der Woche sind, doch es ist erwähnenswert, weil es einfach eine gute Runde mit guten Unterhaltungen war und genauso war, wie ein Sonntagabend sein sollte (vom Abschied abgesehen)...



Im nächsten Eintrag geht es fast ausschließlich um das ganz andere, merkwürdige, befremdliche, überraschende Weihnachten in Jamaika!

27.12.13 05:14
 
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