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Pädagogik, Rastafaris und Inspiration in Jamaika

 

Nach einigem Hin und Her mit meiner Organisation wechselte ich schließlich vom Radio sehr spontan zur Kindertagesstätte für eins- bis dreijährige und durfte dadurch etwas von nicht existierender jamaikanischer Pädagogik erfahren. Ich sehe ja schon in meiner Gastfamile tagtäglich ungünstige Erziehung, meine 5-jährige Gastschwester wird immer nach ihren Wünschen gefragt, welche dann auch erfüllt werden. Sie schreit und weint auch gerne einmal gleichzeitig, um auch ja das Getränk, die Speise oder das Fernsehprogramm zu erhalten. Sie bekommt einfach viel zu viel Aufmerksamkeit, wird zu oft vor die Wahl gestellt und wird zu ernst genommen. Oft sind dann die heiß ersehnten Bohnen auf dem Teller doch nicht das Richtige, werden weggeschmissen und durch etwas Neues ersetzt. Sollte das Essen mal nicht von selber in den Mund gelangen, hilft die Mutter auch gerne nach und füttert sie. Die 5-jährige setzt Bedingungen und alle ihre Wünsche durch. Diese Toleranz-Methodik wäre in einer Kindertagesstätte mit 20 Kindern natürlich nicht anwendbar, sie würde zum totalen Chaos führen.
Weshalb dort das Leitmotto Disziplin lautet. In den Alltag übersetzt, bedeutet das, dass diese jungen Kinder teilweise einfach zehn Minuten ruhig am Tisch sitzen müssen, während die andere Gruppe ihre Hände wäscht. Oder dass bei der Morgen-"Devotion" jedes Mal auf's Neue die Hände der Kinder aufeinander gepresst werden, so dass sie beim Beten (was sie mit Sicherheit noch nicht begreifen können) auch ordentlich Gott loben können. Es wird den Kindern teilweise auch einfach viel zu viel zugemutet, so lernen sie die Teile der Gitarre (ohne Demonstration, einfach nur die bloßen Begriffe), obwohl sie noch nicht einmal die Teile des menschlichen Körpers richtig zuordnen können. Das konnte auch wirklich teilweise meine Arbeit erschweren: Hatte ich zum Beispiel ein dreijähriges Mädchen auf dem Schoß, kam der Kommentar, dass ich sie doch nicht mehr auf den Schoß nehmen solle, sie sei doch zu alt. Ein dreijähriges Mädchen, das über acht Stunden seine Eltern nicht sieht und genauso viel Liebe und Zuwendung wie die Kinder, die ein Jahr jünger sind, erfahren sollte. Gerade wenn nur die Jüngeren auf den Schoß genommen werden dürften, würden sich die Älteren benachteiligt und ungeliebter fühlen. Mit den Kollegen zu argumentieren oder diskutieren ist mitten bei der Arbeit mit Kindern aber einfach problematisch, so dass man als unbezahlter Freiwilliger unsinnigen Anweisungen meist folgen muss..
Jamaikanische Pädagogik besteht aus zu viel Toleranz und zu viel Disziplin, was viele aber auch nicht erkennen zu scheinen. Ich bin mir sicher, es wäre nützlich, sich mit den Freiwilligen, die in ihrer Kindheit eine ganz andere Form von Erziehung erfahren habe, zusammenzusetzen und einige Verfahren auf objektiver Ebene zu beleuchten und zu diskutieren. Genau das habe ich auch in meiner "Final Form" vorgeschlagen und (auch wenn ich es bezweifle) hoffe ich, dass es irgendwann beherzigt wird.

Den Rest des Januars habe ich vor allem mit der Gruppe, die nun aus völlig anderen Freiwilligen besteht, verbracht, weil ich mich mit allen sehr gut verstanden und wohl gefühlt habe, was mein soziales Leben und meine Fröhlichkeit aufblühen lassen hat.. Weil das hier aber kein chronologischer Reiseblog ist, wird mein soziales Leben und die Erlebnisse in der Gruppe nicht beachtet, aber ich lasse euch an zwei besonderen Erfahrungen mit der jamaikanischen Kultur teilhaben.

An einem Wochenende in Negril, das ja normalerweise nur den typisch touristischen Strand und Clubs am Abend bereithält und mich deshalb sonst immer langweilte, beschloss eine kleine Gruppe, in das Indigenous Rastafarian Village nach Montego Bay zu fahren. Dieses Dorf ist versteckt und abseits von dem schrecklich touristischen All-Inclusive Montego Bay und nur zu Fuß zu erreichen. Die Rastafaris, die sich dort niedergelassen haben, machten es sich zur Aufgabe, Interessierten ihre Kultur weit weg aller Vorurteile hautnah zu präsentieren, verständlich zu machen und näher zu bringen. Das hat bei uns allen auch perfekt funktioniert und im Endeffekt dazu geführt, dass eine brasilianische Freundin und ich so fasziniert waren, dass wir uns unabhängig voneinander das erste Tattoo, das bei uns beiden die Rastafari-Kultur reflektiert, stechen haben lassen.
Viele Menschen verbinden Rastafaris mit Rastalocken - wie sollte es auch anders sein, mit Bob Marley und mit Kiffen. Manche Menschen können aber auch überhaupt nichts mit dem Begriff "Rastafari" anfangen. Menschen, die nach Jamaika gehen, erfahren meistens, wenn sie sich auch an untouristische Essensquellen wenden, dass Rastafaris vegan sind, werden durch die Verbindung von Rastafaris mit Ethiopien und einem Löwen verwirrt, und sehen Männer mit Rastalocken kiffen. Ich wusste zwar schon etwas mehr, bevor ich das Rastafarian Village besucht habe, da ich mich öfters mit Rastafaris unterhalten habe (meistens, weil Rastafari-Restaurants einfach meine Lieblingsessensquellen sind und ich mich dort dementsprechend oft befinde) und mich auch schon davor etwas informiert hatte. Aber ich wäre nie in der Lage gewesen, die Verbindung zu Ethiopien zu erklären, oder einfach nur ganz sicher zu sagen, wo der Ursprung und der Hintergrund liegt. Vielleicht rede ich jetzt etwas zu sehr herum, ich möchte damit nur sagen, dass während oder nach eines/einem Besuch im Rastafarian Village alle Informationen zu einem klaren, ganzen Bild zusammenwachsen und man endlich weiß, worüber man redet.

Rastafaris leben vegan und bauen meistens ihr ganzes Gemüse und Obst selber an, verwenden auch natürliche Teller, Besteck, etc (also aus Holz oder Kokosnuss) und führen somit ein vorbildlich biologisches Leben. Sie fühlen sich der Natur verbunden, schätzen diese und setzen das jeden Tag in die Tat um! Alles, was sie brauchen, gibt ihnen die Natur – so verzichten sie natürlich auch auf künstliche Medikamente und haben alle möglichen Heilkräuter, zum Beispiel gegen Krebs oder für Fruchtbarkeit. Die Wirksamkeit setzten sie uns auch unter Beweis, als eine Freiwillige unserer Gruppe von ihrer Übelkeit erzählte, mit Medikamenten der Natur versorgt wurde und es ihr schnell wieder besser ging.
Wenn ich jetzt von heilenden Kräutern schreibe, schweifen die Gedanken natürlich sofort in Richtung Marihuana. Bei unserem Besuch haben wir einen unserer Gastgeber auch mit dem wahrscheinlich gängigsten Vorurteil konfrontiert. Die Antwort war überraschend, erfrischend und ehrlich. Auf die Frage, ob er einem täglichen Graskonsum nachginge, meinte er, dass er schon einmal eine Pause von drei Jahren eingelegt hatte, sich nie dazu zwingt, es macht, wenn er sich danach fühlt, und das Wichtigste: Man bräuchte nicht Marihuana, um high zu werden. Das gleiche Glücksgefühl, der gleiche Zustand könnte durch Gespräche und Musik erreicht werden.

Nun haben wir uns mit den meisten Vorurteilen, mit dem oberflächlichen Bild dieser Kultur beschäftig, die Frage ist, was bleibt.

Die Bewegung der Rastafaris ist aus der Rückbesinnung zur Heimat, zu Afrika, der ehemaligen Sklaven entstanden. Sie wehrten sich gegen die extreme Christianisierung der britischen Kolonialmacht und beschäftigten sich eingehend mit der Bibel und ihren Widersprüchen. So akzeptierten sie nicht die Unterordnung der Frau, die in der Bibel anklingt, denn der Ursprung der Menschheit besteht aus aus den wichtigsten drei Elementen (drei ist die magische Zahl, die der Schlüssel für die humane und die erdliche Entstehung ist) – der Mutter, dem Vater und dem Kind. Fehlt einer dieser drei Aspekte, würde die Menschheit aufhören zu existieren, weshalb es von der reinen Logik her widersprüchlich ist, die Frau unterzuordnen. Die Rastafaris tragen tief in sich die Liebe zur Menschheit, die Liebe zur Natur, die Liebe zu all den reinen und beständigen Dingen des Lebens, so dass sie mit dieser Haltung gleichzeitig den Materialismus und den Kapitalismus ablehnen. Die beiden Formen des Lebens, die künstliche, von Menschen erschaffene Systeme und Werte als essentiell ansehen. Die Rastafaris dagegen definieren Freiheit als essentiell und haben Rituale, die das verdeutlichen. So stehen sie oft da, strecken die Arme zu beiden Seiten aus, legen den Kopf in den Nacken und blicken in die Unendlichkeit des Universums, dabei schreien sie aus vollster Seele "Irie, Irie, Irie". Irie ist die Kurzform von "I am free" und wird leider von der Mehrheit der Jamaikaner mittlerweile für alles mögliche wie zur Begrüßung, zum Trinkspruch, etc verwendet, also verallgemeinert und kommerzialisiert.
Ihre Kraft und innere Gelassenheit gewinnen sie aus diesem Ritual oder anderen Ausdrucksformen der Spiritualität, wie eine Wanderung durch das Meditations-Labyrinth oder wie völlig losgelöste, aus dem Herzen sprechende Musik.
Die meisten spirituellen Menschen haben irgendwo her einen Anstoß bekommen, haben irgendwo auf der Welt einen Menschen, der sie inspiriert. So auch die Rastafaris. Haile Selassie I, Kaiser von Ethiopien, war für die große Mehrheit die Schlüsselfigur des Rastafari-Movements. Er wurde als die Wiedergeburt von Gott angepriesen und war essentiell für den Panafrikanismus. Das alles ist viel komplexer, als hier dargestellt, aber man kann das nicht in einen kleinen Blogeintrag packen. Die blinde Verehrung von Haile Selassie ist allerdings eine der Sachen, die ich persönlich nicht ganz nachvollziehen kann. Nur auf Zeichen aus der Bibel, die teilweise ja abgelehnt wird, beruhend, einen Menschen ohne wenn und aber zu verehren, finde ich etwas gewagt und fast so als ob sie somit ihre Unabhängigkeit, ihre Freiheit abgeben würden. Denn das Rastafari-Movement macht sich definitiv von diesem einen Mann abhängig.

Was ich allerdings wieder komplett nachvollziehen kann und herzenserwärmend finde, sind die Neologismen der Rastafaris. So sagen sie overstand statt understand, denn wenn man etwas versteht, hat man die Erkenntnis und steht unter nichts mehr, sondern steht darüber. Außerdem vermeiden sie den Tod und Hass in ihren Worten, so dass aus digestion lifegestion wird oder so dass appreciate (ähnlicher Klang wie hate) in apprilove umgeformt wird. Sie verankern damit ihre Haltung und ihren Lebensstil in ihrer Sprache.

Sie vermeiden die Wörter Hass, beteuern ihre Liebe zur Menschheit und ihren Drang zum Frieden. Warum hört man dann immer wieder, dass viele Rastafaris stark homophob sind? Leider ist mir diese Problematik erst im Nachhinein aufgefallen, sonst hätte ich auch keine Scheu gehabt, das mit unseren Gastgebern zu besprechen. Ich kann ganz sicher sagen, dass es zwar (vermutlich) verbreitet ist, aber noch lange nicht alle an der Homophobie festhalten. Ich habe schon von homosexuellen Rastafaris gehört und von Akzeptanz, von Liebe und Weltoffenheit. Natürlich ist der Ursprung der selbe wie bei stark christlich geprägten Menschen, denn manche Rastafaris orientieren sich eben doch stark an der Bibel, außerdem sollte man mal den Ursprung der Menschheit betrachten. So wie die Rastafaris es aufführen, gibt es Vater, Mutter und Kind. Die magischen Drei. Und da ist kein Platz, keine Flexibilität für Veränderung, für noch jemanden. Somit schließt man mehr oder weniger die alternative Lebenspartnerschaft schon sofort aus.

Ich habe mir in diesem Rastafarian-Village meine Motivation für eine Rückkehr nach Jamaika geholt, ich möchte dort unbedingt für mehrere Tage/Wochen leben und mehr Inspiration und Erkenntnisse in mich aufnehmen. Und wenn ich mich dort dann befinde, werde ich mit den Bewohnern dort auch hundertprozentig einmal ihre Haltung gegenüber Homosexualität herausfinden und sie gegebenenfalls mit ihnen diskutieren...



Am Abend gingen wir passenderweise zu einem Rastafari-Restaurant in Negril, bei dem ich schon einmal davor war. Der Besitzer tanzte und kiffte beim Kochen, was uns die Wartezeit versüßte. Ein für mich wunderschöner Augenblick war, als er mir beim Abräumen eine Schüssel, die aus der Schale einer Kokosnuss (also eine, die natürlicher nicht sein könnte) bestand, schenkte. Aus Dankbarkeit, dass ich zum zweiten Mal da war und dass ich Freunde mitbrachte. Diese Geste machte mich sozusagen "high" und ich hörte den ganzen Abend das Lächeln nicht mehr auf – wenn das nicht der perfekte Einrichtungsgegenstand für meine Wohnung ist, voller Natur und voller Erinnerungen!



Ein Eintrag über die überraschendsten Erfahrungen in Jamaika ist in Arbeit und dann folgen die ersten Eindrücke aus der höchstgelegensten Hauptstadt der Welt – aus Quito im vielfältigen Ecuador.

11.2.14 17:09
 
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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


AverageGatsby / Website (11.2.14 23:38)
So einfach und doch so vielsagend erzählt. Ich beneide dich um die Erfahrungen welche du sammeln kannst, and apprilove your sharing.

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